„Never change a winning team“ – Neubesetzung der ASVK Graz

Sir Alf Ramsey, englischer Fußballer, prägte einst den Ausspruch „Never change a winning team“. Im Fall der Grazer Altstadt-Sachverständigenkommission (ASVK) wird entgegen dieser Empfehlung nun ein Team ausgewechselt, welches in den vergangenen Jahren in seiner Funktion definitiv gewinnbringend für das Grazer Stadtbild war. Am 27. Jänner 2011 wurde die Neubesetzung der Grazer Altstadt-Sachverständigenkommission (ASVK) beschlossen. Neben einigen Mitgliedern der ASVK wird auch deren Vorsitzende, Gertrude Celedin, abberufen. Als ihr Nachfolger wird Wolfdieter Dreibholz bestellt, welcher ein schwieriges Erbe antritt: Celedin ist ihrer Aufgabe als Vorsitzende der ASVK in den vergangenen 15 Jahren mit enormem persönlichem Engagement nachgegangen und hat ihrem Nachfolger die Latte hoch gelegt.

Gertrude Celedin hat sich im Dienste des Altstadtschutzes in den vergangenen Jahren nicht überall beliebt gemacht. Hätte sie das getan, dann wäre sie nicht die Richtige für die Position der Vorsitzenden der ASVK gewesen. Vor allem vonseiten mancher Investoren (man denke an die ACOTON mit dem Projekt Thalia) und Bauherren (beispielsweise die Franziskaner mit einem projektierten Solardach) sollen bei den politisch Verantwortlichen immer wieder Beschwerden bezüglich Celedins unnachgiebig konsequenter Haltung als ASVK-Vorsitzende eingegangen sein. Es ist daher zu befürchten, dass der Vorstandswechsel nicht zuletzt wirtschaftspolitisch motiviert ist und man sich vom neuen Vorstand erwartet, dass dieser den anstehenden Investorenprojekten weniger kritisch gegenüberstehen wird. Der verantwortungsvolle Umgang mit der Grazer Altstadt muss bei Bauprojekten im Altstadtkern allerdings weiterhin kompromisslos im Vordergrund stehen und das Bewusstsein für den unschätzbaren Wert einer Altstadt wie Graz sollte jeder Diskussion erhaben sein. Unzählige Beispiele gelungener Planungs- und Bauprozesse in der Schutzzone zeigen, dass wirtschaftliche Interessen und zeitgemäße, qualitätvolle Architektur keinen Widerspruch darstellen.

Martin Brischnik führte mit Gertrude Celedin, die über 27 Jahre in der Grazer Altstadt-Sachverständigenkommission (ASVK) und 15 Jahre deren Vorsitzende war, das nachfolgende Gespräch.

Brischnik: Wie hat sich der Umgang mit der Grazer Altstadt in den vergangenen drei Jahrzehnten verändert?
Celedin: Die Kommission hat in den vergangenen Jahren ein Umdenken erreicht und verdeutlicht, dass Altstadterhaltung nicht bedeutet, „Bogerln“ zu machen und Gaupen auf die Dächer aufzusetzen. Es ist uns gelungen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Qualität in der Altstadt möglich ist, wenn man innovative Lösungen entwickelt. In meiner Zeit als ASVK-Vorsitzende ist auch die Novellierung des Altstadterhaltungsgesetzes gefallen, worauf ich stolz bin. Unter dem alten Gesetz war wenig realisierbar, seit der Novellierung ist Neues möglich, sofern die baukünstlerische Qualität passt. Das gilt weniger für den Abbruch von Bestandsgebäuden als für die Auffüllung von Baulücken. Der Altstadtanwalt, den es seit etwa zwei Jahren gibt, hat sich sehr gut bewährt. Seit dieser im Amt ist, setzt sich die Stadt Graz nicht mehr über die ASVK-Gutachten hinweg. Davor wurden Projekte trotz negativer Gutachten umgesetzt, wie beispielsweise im Fall der Thalia.

Brischnik: Gab es Niederlagen in Ihrer Zeit als Vorsitzende der ASVK?
Celedin: Natürlich gab es Niederlagen. Zum Beispiel die Erweiterung des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in der Marschallgasse trotz eines negativen Gutachtens oder am Lendplatz der Abbruch eines Gasthauses in einem barocken Haus zugunsten des Hotel Mercure – das sind traurige Kapitel. Durch die Einführung des Altstadtanwaltes wurde die Kommission allerdings aufgewertet und solche Beispiele sollten in Zukunft zu vermeiden sein. Wir sind in einzelnen Fällen auch selbst aktiv geworden und haben beispielsweise die Entfernung der Rampe am Domenig-Gebäude der TU Graz bei der Baubehörde angezeigt. Der Abbruch hätte bei uns eingereicht werden müssen wie jedes Bauvorhaben in einer Schutzzone.

Brischnik: Was waren die positivsten Prozesse der vergangenen Jahre?
Celedin: Ein sehr positives Projekt war der Dachausbau bei Kastner & Öhler. Hier wurde von vorneherein ein sehr hoher Maßstab angesetzt, es hat sich um 3000 m² nicht schützenswerte Dachflächen gehandelt. Auch die Kooperation mit den Bauherren war hervorragend. Es gab aber auch sehr viele positive Prozesse mit der Wegraz wie beispielsweise das Projekt „Pavoreal“ im Bereich des Pfauengartens.

Brischnik: Wie denken Sie über den aktuell bestellten Fachbeirat für Graz?
Celedin: Ich halte solche Beiräte für sehr sinnvoll, da sie ein Bewusstsein für Baukultur schaffen. Der Beirat soll sich ja auch um die Randzonen kümmern, wo ebenfalls nicht nur nach kommerziellen Gesichtspunkten gebaut werden sollte. Der Passus, dass Projekte erst ab einer Bruttogeschossfläche von über 2000 m² begutachtet werden sollen, ist fragwürdig, denn man kann schon mit ein paar hundert Quadratmetern etwas zerstören.

Brischnik: Hat es jemals Missstimmung dahingehend gegeben, dass sich mit der ASVK eine Institution des Landes in Belange der Stadt Graz einmischen wollte?
Celedin: Zu Beginn meiner Tätigkeit war diese Rivalität tatsächlich stark spürbar. Im Laufe der Zeit hat sich aber die Stadt Graz daran gewöhnt, dass es die ASVK gibt, sich allerdings oft über Gutachten hinweggesetzt.

Brischnik: Wie sahen Sie die Stimmung seitens der Bauherren und Planer gegenüber der ASVK?
Celedin: Ich habe einen wöchentlichen Sprechtag eingeführt und hier absolut positives Feedback bekommen. Rückblickend muss ich feststellen, dass die Bauwerber mehr Verständnis für die Erhaltung der Altstadt hatten als die Stadt Graz selbst. Natürlich gab es immer wieder welche, die mit schlechten Projekten kamen, abgelehnt wurden und sich ärgerten. Dazu steh ich aber auch, weil man es nicht allen recht machen kann.

Brischnik: Was werden Sie Ihrem Nachfolger, Wolfdieter Dreibholz, mit auf den Weg geben?
Celedin: Ich hoffe, dass ihm der Altstadtschutz sehr wichtig ist. Es geht um die Einhaltung eines Altstadtschutzgesetzes und nicht um ein Gestaltungsgesetz. Für Gestaltungsfragen sind prinzipiell andere zuständig. Altstadtschutz bedeutet nicht, dass nichts machbar ist. Das zeigen zahlreiche Neubauten vom Kunsthaus bis zu dem jüngsten Neubau am Nikolaiplatz. Der schützenswerte Bestand sollte aber auch weiterhin unantastbar bleiben. Es darf nicht erlaubt werden, Solarkollektoren und Gaupen auf jedes Dach zu setzen, hier machen auch Kleinigkeiten etwas aus. Die Vielzahl von Gaupen oder Dachflächenfenstern zerstört eine Dachlandschaft. Ich würde mir wünschen, dass Dreibholz hier achtsam ist.

Brischnik: Wo wird man Sie in Zukunft erreichen können?
Celedin: Es gibt einen Verein Grazer Altstadt, welcher den Fischer-von-Erlach-Preis ins Leben gerufen hat. Dieser Preis ruft ins Bewusstsein, dass man in einer Altstadt bauen kann – nur das „Wie“ ist die Frage. Ich freue mich, für diesen Verein nun mehr Zeit zu haben und werde dort erreichbar sein.

Brischnik: Vielen Dank für das Gespräch!

BIOGRAFISCHE NOTIZ:
Gertrude Celedin, Dr.in. Kunsthistorikerin, geboren in Salzburg, lebt in Graz. Studium der Kunstgeschichte und Volkskunde in Graz. Von 1976 bis 1996 am Grazer Stadtmuseum, seit 1996 im Grazer Kulturreferat als Referentin für Bildende Kunst tätig. Seit 1984 Mitglied und von 1996 bis 2011 Vorsitzende der Grazer Altstadtsachverständigenkommission. Vorstandsmitglied des Vereins Grazer Altstadt.

Text – M. Brischnik, erschienen auf www.gat.st am 02.02.2011