Die Steiermark – Baukulturelles Entwicklungsland?

Dank des Baukulturreportes wissen wir seit 2008, wie es in unserem Land um die Baukultur bestellt ist. Jetzt gilt es, darauf zu reagieren und den bekannten Ist-Zustand nach Möglichkeit zu verbessern, weshalb das HDA Graz am 22. April 2009 zu einer, von Fabian Wallmüller moderierten Diskussion unter dem Titel „baustelle land“ lud. Das Problem liegt auf der Hand und lässt sich auch in Zahlen ausdrücken. So werden z.B. in Vorarlberg 100% der Kommunalbauten von Architekten geplant – in der Steiermark nur etwa 50%. In Vorarlberg sind 27 Gestaltungsbeiräte tätig, die Steiermark kann mit dem Gestaltungsbeirat im südsteirischen Weinland (aktiv seit 2008) lediglich auf einen einzigen verweisen.

Wolfgang Ritsch (Architekt, Vorarlberg) und Walter Werschnig (Raumplanung Land Oberösterreich ) konnten aus Bundesländern berichten, wo Architektur einen höheren Stellenwert zu haben scheint, als den eines (im besten Fall umgehbaren) Übels. Patentrezepte zur Lösung unserer Probleme hatten freilich beide nicht, bei genauem Hinhören allerdings wertvolle Ratschläge.
Laut Ritsch ist in Vorarlberg die Ausgangslage eine andere. Der ländliche Raum ist politisch wie topografisch wesentlich stärker an die Stadt gebunden, weshalb die Politik das Verantwortungsbewusstsein in Baufragen aktiv einfordert. Die Einhaltung von Vergabegesetzen gilt als Selbstverständlichkeit.
Erregten die Vorarlberger Baukünstler in den 1960er und 1970er Jahren noch durch provokante Aktionen Aufmerksamkeit, so ist man sich inzwischen einig, dass ein gesundes Gesprächsklima auf Augenhöhe die Voraussetzung darstellt, um den Bauherren das nötige Wissen und Architekturbewusstsein zu vermitteln. So wie Winzer von den (Hobby-) Sommeliers profitieren, lebt die Baukultur vom grundsätzlichen Verständnis der potentiellen Bauherren für zeitgenössische Architektur.
Die Vorarlberger Fach- und Gestaltungsbeiräte scheinen perfekt zu funktionieren. Sie beraten die Bürgermeister in deren Funktion als oberste Baubehörde und bilden damit ein Qualitätssicherungswerkzeug. Nicht das Aburteilen von Projekten stehe im Vordergrund, so Ritsch, sondern der konstruktive Dialog und die nachhaltige Beratung.

Auch Walter Werschnig stellt die Notwendigkeit der Kommunikation in den Vordergrund. Oberösterreichische Gemeinden, die Bauprojekte positiv umsetzen, werden in Architekturbroschüren präsentiert, welche unter ungezwungenen Titeln wie „Sommer/frische“ (*) zeigen, was machbar ist. In diesen Publikationen sowie im Rahmen der dazugehörigen Präsentationen und Podiumsdiskussionen werden neben Bürgermeistern auch involvierte Firmen, Nutzer und Planer eingebunden – unter den Nachbargemeinden soll dadurch die Begeisterung geschürt werden. Auch seitens der Landesregierung wird die Baukultur in Oberösterreich mitgetragen – seit 2005 ist für alle Hochbauprojekte mit Baukosten über 250.000 Euro entweder ein Architekturwettbewerb oder die Konsultation des „fliegenden Gestaltungsbeirates“ vorgeschrieben.

Die Landesbaudirektion Steiermark war mit Landesbaudirektor Andreas Tropper und Günter Koberg vertreten. Letzterer ist gegenwärtig als Koordinator für Baukultur in der Landesbaudirektion tätig. Auf die Frage, welchen Beitrag die Steiermärkische Landesregierung von politischer Seite zu leisten gewillt ist, konnten beide nur ausweichend antworten. Derzeit werde intensiv daran gearbeitet, den Umgang mit der Baukultur für das Land selbst in einen Leitfaden zu fassen. Bis Herbst soll dieser dann beschlussfähig sein.

Baustelle Land

Die Architekten Peter Pretterhofer und Reinhard Schafler sind seit 2001 als Architekturvermittler im Rahmen ihres Projektes „baustelle land“ wortwörtlich auf Achse. Im Rahmen von organisierten Busexkursionen fahren sie steirische Bürgermeister in Kleingruppen zu gelungenen, gebauten Projekten bis nach Vorarlberg, fördern den Erfahrungsaustausch über den Umgang mit Fachbeiräten und Planern und dokumentieren die Gespräche und Erlebnisse in kurzweiligen Videoberichten (gefilmt von Klaus Schafler, Anm.). Die Veranstaltungen entsprechen dem, was Wolfgang Ritsch und Walter Werschnig fordern – sie bilden eine Kommunikationsplattform und zeigen Architektur in ihrer größten Glaubwürdigkeit, in Form gebauter Objekte. Die Filme zeigen aber auch frappant, welches Image dem Berufsstand des Architekten in der Steiermark anhaftet und wie schlecht die Voraussetzungen für die Wissensvermittlung an Bauherren und für Gespräche über Architektur hierzulande sind.

Hans Gangoly (Architekt, Dekan und Professor am Institut für Gebäudelehre der Architekturfakultät Graz) berichtete von seiner Tätigkeit im Gestaltungsbeirat Südsteirisches Weinland (in dem auch Günter Koberg vertreten ist). Gangoly sieht seine Erwartungen nicht erfüllt. Die zu knapp bemessene Zeit diene eher der Einforderung von Planungsqualität als dem fruchtbaren Gespräch über Baukultur. Oft werde bereits während der Planeinreichung gebaut, und der Umgang mit von der Planung abweichend realisierten Projekten ist bislang ungeklärt.

Die Situation lässt sich wie folgt zusammenfassen: Im Umgang mit der Baukultur bestehen im Land Steiermark deutliche Missstände und wir wissen wie am Land gebaut werden sollte. Wir wünschen uns Fach- und Gestaltungsbeiräte, und möchten, dass die Bürgermeister diese einsetzen. Peter Pilz, Bürgermeister von Rohrmoos und Teilnehmer der Autobusreisen der Initiative „baustelle land“ bringt das Problem auf den Punkt: Wie sollen Bürgermeister sich für etwas einsetzen, wofür der Bevölkerung das grundlegende Verständnis fehlt? Wenn Gestaltungsbeiräte Bauvorhaben ablehnen oder auch nur verzögern, stärkt das die politischen Gegner und wird sich bei den kommenden Gemeinderatswahlen rächen.
Auch der Architekturwettbewerb verursacht Ängste. Was, wenn irgendein Architekt aus der Ferne, der keine Ahnung hat, was der Ort braucht und was im Ort gefällt, den Wettbewerb gewinnt? Was, wenn dann die Firmen im Ort den “verrückten” Entwurf nicht ausführen können? Wiederum – siehe oben – sehen die Bürgermeister Ärger auf sich zukommen. Da scheint es doch wesentlich vernünftiger, den Umbauplan abzusegnen, den z.B. die Feuerwehr selbst mit der ortsansässigen Baufirma ausgeheckt hat – die wissen doch schließlich selbst am besten, was gebraucht wird.
Der vermeintliche Druck durch Investoren hält schließlich selbst die Stadt Graz davon ab, einen seit langem geforderten Gestaltungsbeirat einzusetzen.

Alles in Allem scheint keine Änderung der Situation in Sicht zu sein. Das Land ist noch damit beschäftigt, seinen eigenen Standpunkt der Baukultur gegenüber zu definieren, anstatt den Gemeinden einen Weg vorzugeben und sie politisch zu stärken.
Die Gemeinden werden aus eigener Kraft keinen Paradigmenwechsel herbeiführen können, vor allem nicht, solange das Verständnis in der Bevölkerung ausbleibt.
An den steirischen ArchitektInnen liegt es nun einerseits, sich gemeinsam zur Qualität zu bekennen und Gestaltungsbeiräte zu fordern, und andererseits aktiv einen Imagewechsel des Berufsstandes in die Wege zu leiten: Weg vom Bild des realitätsfremden, akademischen Besserwissers, hin zum überzeugenden, kommunikationsfähigen Ansprechpartner für nachhaltiges Bauen. Peter Pretterhofer und Reinhard Schafler setzen diesbezüglich Maßstäbe.

Text – M. Brischnik, erschienen auf www.gat.st am 28.04.2009, HdA Gazette Dez. 2009