Graz hat einen Fachbeirat

Seit dem Jahr 2004 wurde in Graz über die Einführung eines Fachbeirates für Bauprojekte nachgedacht und diskutiert. Vor allem vonseiten der Investoren wurde lange Zeit starker Widerstand geleistet, da man Verzögerungen bei den Bauverfahren sowie Einschränkungen der Möglichkeiten befürchtete. 2006 beschloss die Stadt Graz unter der Federführung von Planungsstadtrat Gerhard Rüsch, das „Grazer Modell“ einzuführen, in dessen Rahmen vorgesehen war, über vier Module (Stadtforum, Bebauungsleitlinien, Wettbewerbswesen sowie Projekttische) die Qualität der Bauprojekte in Graz anzuheben. Nach nur zwei Jahren wurde es 2008 ruhig um das „Grazer Modell“, welches allerdings nachträglich evaluiert wurde. Diese Evaluierung kritisierte die Instrumente des „Grazer Modells“, allen voran das aufwändige Stadtforum, hinsichtlich ihrer tatsächlichen Auswirkung auf die Baukultur und die Planungsqualität. Auf Basis der Evaluierung schlug die Stadtbaudirektion unter Stadtbaudirektor Bertram Werle wiederum einen Fachbeirat für Bauprojekte vor.

Als Bürgermeister Siegfried Nagl im Herbst 2009 das Planungsressort übernahm und sich im „Haus der Architektur“  im Rahmen einer Podiumsdiskussion den Fragen der ArchitektInnen stellte, ließ er auch über den Wunsch nach einem Fachbeirat abstimmen. Eine überwiegende Mehrheit der Anwesenden stimmte damals für die Einführung des Beirates.

Bis zum Herbst 2010 wurde seitens der Stadtbaudirektion ein Konzept ausgearbeitet, welches schließlich dem Gemeinderat vorgelegt werden konnte und die Zustimmung aller Fraktionen fand. Ein weiteres Jahr dauerte es, bis die Geschäftsordnung ausformuliert werden konnte und die geeigneten Beiratsmitglieder gefunden waren. Am 23. November 2011 lobte Siegfried Nagl die Mitglieder des Grazer Fachbeirates für Bauprojekte an und präsentierte diese der Öffentlichkeit. Die ArchitektInnen Rüdiger Lainer, Marta Schreieck und Much Untertrifaller sowie Patricia Zacek-Stadler und Christoph Pichler als Ersatzmitglieder werden für die nächsten eineinhalb Jahre alle zwei Monate zu Beiratssitzungen nach Graz kommen. Eine einmalige Verlängerung um weitere eineinhalb Jahre danach ist möglich.

Die Zuständigkeit des Beirates betrifft Bauvorhaben außerhalb der Altstadtschutzzone, welche weiterhin Hoheitsgebiet der ASVK (Altstadtsachverständigen Kommission) bleibt. Zur Begutachtung sollen dem Fachbeirat Projekte mit mehr als 2.000 m² Bruttogeschossfläche vorgelegt werden, was zu Kritik führt – es liegt auf der Hand, dass auch unter dieser willkürlichen Grenze Bausünden geschehen können und werden. Siegfried Nagl meint dazu, es sei vorgesehen, dass Projekte unter der 2.000 m² Grenze dem Beirat vorgelegt werden können, wenn sie entsprechend bedeutend oder sensibel seien.

Die erste Legislaturperiode des Fachbeirates wird zeigen, ob und wie das Gremium in Graz arbeiten kann. Die fachliche Qualifikation des Beirates steht außer Frage. Der Umgang der Politik mit dessen Entscheidungen bleibt hingegen abzuwarten. Das Umgehen und Ignorieren zahlreicher negativer ASVK-Gutachten der vergangenen Jahre kann als mahnendes Negativbeispiel herangezogen werden. Ebenso spannend ist die Form der Einbindung des Fachbeirates in die jeweiligen Projektphasen. Bebauungspläne beispielsweise werden in Graz derzeit  anlassbezogen erstellt und zeichnen zumeist die Konturen der Investorenprojekte exakt nach. Wenn es nicht gelingt, die Entwürfe vor der Bebauungsplanung mit dem Fachbeirat abzustimmen, hat dieser nur noch bei der Fassadengestaltung mitzubestimmen. Der Fachbeirat muss daher vor der Bebauungsplanung involviert werden, meint Stadtplanungschef Heinz Schöttli.

Im Idealfall soll der Beirat bereits während der Entwurfsphase als beratendes Gremium mit Projekten konfrontiert werden. Die Diskussion mit den Beiratsmitgliedern soll BauwerberInnen und PlanerInnen helfen, optimale Lösungen zu erzielen. Laut Stadtbaudirektor Bertram Werle kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass fertige Projekte ohne vorhergehende Abstimmung eingereicht werden. Sollten diese dem Beirat dann missfallen, müss(t)en Behörden und Politik die Konsequenz zeigen, den Bauwerber zurück an den Start zu schicken. Sobald hier Ausnahmen geschehen, wird der Fachbeirat obsolet.

Schließlich wird sich erst in einigen Jahren, wenn die ersten beiratspflichtigen Projekte realisiert werden, zeigen, inwiefern auch die Umsetzungen den Vorgaben des Beirates folgen. Nachträgliche Änderungseinreichungen oder Abweichungen in der Ausführung müssten in wirkungsvoller sanktioniert werden, als dies der ASVK derzeit gelingt.

Positiv stimmt die Auswahl der Beiratsmitglieder, welche kompetent, kritisch und und im Beiratswesen erfahren sind. Seitens der BauwerberInnen, PlanerInnen und der Politik muss diese Chance nun aktiv und positiv wahrgenommen werden. Der Diskurs mit dem Beirat muss ernst genommen werden und dessen Entscheidungen sind seitens der Behörden und der Politik kompromisslos umzusetzen.

DIE BEIRATSMITGLIEDER

RÜDIGER LAINER (Vorsitzender) studierte zunächst Physik, Soziologie und Malerei in Wien und Paris, danach von 1971–78 Architektur an der Technischen Universität Wien. Seit 1985 freischaffender Architekt in Wien. 1997 Berufung als Professor und Leiter der Meisterschule für Architektur an die Akademie der bildenden Künste Wien, Lehrtätigkeit bis 2006. Seit 2005 Büropartnerschaft mit Oliver Sterl: Rüdiger Lainer + Partner Architekten. Mitglied des Grundstückbeirats in Wien (1999–2002), Vorstand Europan Österreich seit 1999, Gestaltungsbeirat von Krems (1996–99), Vorsitzender des Gestaltungsbeirats Salzburg (2004–2007), Vorsitzender des Fachbeirats Wien (seit 2006) und Mitglied des Beirats für Architektur und Design des bm:ukk seit 2008, Beirat für Stadtgestaltung in Linz seit 2010.
Mit seinen Arbeiten und Projekten deckt Rüdiger Lainer ein Feld von den kleinsten Einheiten bis zur Städteplanung ab. Die Thematiken reichen von Ausstellungen wie der Steirischen Landesausstellung 1998 „Yougend” über den engagierten Wohnbau bis zu städtebaulichen Konzepten für das Alte Flugfeld Aspern oder das Strukturkonzept für das Umfeld der Wiener Gasometer.
Unter anderem entstanden 1993–94 die Hauptschule Absberggasse in Wien 10, 1993–95 das Penthouse Seilergasse in der Wiener City und 1996–97 der Umbau einer Etage des Palais Equitable, ebenfalls in Wien 1.

MARTA SCHREIECK studierte Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Professor Roland Rainer und Professor Timo Penttilä, seit 1982 gemeinsames Architekturbüro mit Dieter Henke. Kommissarin des österreichischen Beitrages der 9. Architekturbiennale in Venedig 2004. Seit 2005 Mitglied der Akademie der Bildenden Künste Berlin. Seit 2009 Präsidentin der Zentralvereinigung der Architekten Österreichs. Ab 1995 in unterschiedlichen Zeiträumen Gestaltungsbeiratsmitglied in Feldkirch, Linz, Salzburg und Regensburg.
Henke Schreieck Architekten haben u. a. zahlreiche Projekte im Bildungsbereich umgesetzt: etwa die Sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Universität in Innsbruck, die FH Kufstein, die AHS Heustadlgasse in Wien, das EWZ in Hall oder die Bruno Kreisky Schule am Leberberg.

MUCH UNTERTRIFALLER studierte Architektur an der Technischen Universität in Wien bei Ernst Hiesmayr. Ab 1982 arbeitete er gemeinsam mit seinem Vater, dem Architekten Much Untertrifaller senior zusammen. Much Untertrifaller war bis 2010 im Gestaltungsbeirat der Stadt Salzburg, Vorstandsmitglied der Architekturstiftung Österreich und lehrte als Gastprofessor an der Fachhochschule Konstanz und an der Technischen Universität in Wien.
Dietrich | Untertrifaller gewannen 1992 den Wettbewerb für die Erweiterung des Festspielhauses in Bregenz, das sie in Etappen bis 2006 ausführten. Es ist dies das erste einer Reihe von Großprojekten, die seit 1994 im gemeinsamen Büro Dietrich | Untertrifaller Architekten entstanden sind. Der Wettbewerbsgewinn für die Erweiterung der Wiener Stadthalle ermöglichte 2004 eine weitere Bürogründung in Wien. Nach dem Auftrag zum Bau der neuen Hochschulsportanlage der ETH Zürich wurde 2005 eine Niederlassung in St. Gallen eingerichtet, wo die Projekte gemeinsam mit Christof Stäheli bearbeitet werden.

DIE ERSATZMITGLIEDER

CHRISTOPH PICHLER studierte von 1982–1983 Architektur an der Technischen Fakultät der Universität Innsbruck und von 1983–1989 an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien, Meisterklasse Holzbauer, außerdem von 1990–1992 an der Graduate School of Design, Harvard University (USA). 1992 gründete er mit Johann Traupmann das Büro Pichler & Traupmann Architekten. Von 1992–1996 war er Universitätsassistent an der TU Wien, Institut für Hochbau für Architekten, Prof. H. Richter. Seit 1996 hat er einen Lehrauftrag an der Technischen Universität in Wien, Institut für Hochbau für Architekten. An der TU Graz lehrte er von 2003–2008 am Institut für Architektur und Landschaft bei Prof. D. Marques (ab 2006 bei Prof. K. Loenhart).

PATRICIA  ZACEK-STADLER studierte Architektur an der Technischen Universität Wien und arbeitete von 1987–89 im Büro Dr. Dahinden (Zürich). Von 1990–1991 absolvierte sie ein Doktoratsstudium an der TU Wien, Dissertation über Wiener Wohnbau der 80er-Jahre. Seit 1991 arbeitet sie als Architekturtheoretikerin und ist neben der eigenen Bautätigkeit Mitarbeiterin bei Architekturkatalogen, -zeitschriften, Büchern sowie Vorträgen. Seit 1995 ist sie freischaffende Architektin und Ziviltechnikerin. Im Jahr 2000 gründete sie ihr eigenes Architekturbüro in Wien.
2009 hatte sie eine Gastprofessur am Institut für Raumgestaltung der TU Graz inne, seit 2010 ist sie Lektorin am Institut für Städtebau der TU Wien, seit 2011 neues Mitglied im Gestaltungsbeirat des Landes Oberösterreich.

Text – Martin Brischnik, auszugsweise erschienen auf www.gat.st am 23.11.2011