Interview – Bürgermeister Nagl

Der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl über seine ersten beiden Jahre als Verantwortlicher für Bau- und Planungsfragen, konkrete Erfolge und Rückschläge, über aktuelle und gelaufene Architekturwettbewerbe wie „Lyoness Tower“ und “Styria-Zentrale”, den Fachbeirat für Baukultur, der noch in diesem Herbst seine Arbeit aufnehmen soll, die Weiterentwicklung des Reininghaus-Areals sowie die von Nagl forcierten Baugruppen in Graz.

Kickenweitz:
Seit 2009 sind Sie in der Stadt Graz für das Bauressort verantwortlich. Wie beurteilen Sie die beiden vergangenen Jahre?

Nagl:
Ich bin baubegeistert, manche bezeichnen mich als bauwütig, ich fühle mich als Bürgermeister nur dann wohl, wenn ich mehrere Kräne über Graz sehe. Ich jogge auch immer wieder auf den Schloßberg, um sicherzustellen, dass auch genügend davon aufgestellt sind. Baustellen sind für mich ein Indiz dafür, dass Entwicklung stattfindet, dass die Menschen beschäftigt sind und dass Neues für die Zukunft gestaltet wird. Das sind für mich wichtige Punkte, weshalb ich mich trotz des Sparkurses immer für Investitionen einsetze. Investitionen sind notwendig. In Österreich stammen 75 % der öffentlichen Investitionen aus Gemeinden und Städten. Ich kann anderen Staaten, welche wie Griechenland in wirtschaftlichen Krisen stecken, nur empfehlen, den Kommunen Geld zu geben. Wenn ich in Griechenland sehe, in welchem Zustand öffentliche Bereiche sind, bin ich immer wieder erschüttert, wie wenig dort investiert wird. Wir hingegen investieren laufend, was natürlich auch eine Chance darstellt für ArchitektInnen und alle Übrigen, die im Baubereich tätig sind. So haben wir auch in der losen Partnerschaft mit der SPÖ sowie der Koalition mit den Grünen immer daran festgehalten – Sparen bei den Strukturen – Ja, aber nicht bei den Investitionen.

Brischnik:
Gab es aus Ihrer Sicht konkrete Erfolge und Rückschläge?

Nagl:
Nach dem Kulturhauptstadtjahr 2003 haben wir nach einer Möglichkeit gesucht, den Fokus von außen wieder auf die Stadt Graz zu legen und stießen auf das „Creative Cities Network“. Hinter dem Wunsch, „City of Design“ zu werden, steckte aber keineswegs die Sucht nach Titeln, sondern es ging uns darum, in ein Netzwerk mit Städten zu kommen, denen die Themen Design sowie Gestaltung von Raum und Stadt wichtig sind. Diese Thematik passt sehr gut zu Graz. Hier leben sehr viele Kreative und es kommt eine enorme Wertschöpfung aus dem Kreativbereich. Das Gelingen der Aufnahme in das „Creative Cities Network“ war aus meiner Sicht ein großer Erfolg für die Stadt.
Als Highlight betrachte ich, dass wir es mit Hilfe eines privaten Investors geschafft haben, die Südeinfahrt von Graz langsam zur Skyline zu machen. Immer wenn ich mit dem Auto von Wien nach Graz gefahren bin, habe ich zu meiner Frau gesagt: „Wenn’s finster wird, bin ich zu Hause.“ Die Stadteinfahrt hat mich schon immer gestört. Dann kam das Liebenauer Stadion mit dem abgeschnittenen Turm und ich habe gesagt: „Wir brauchen hier eine Skyline als Einfahrtstor zur Stadt. Es ist nun großartig, dass Michael Pachleitner das „MP09“ dort gebaut hat. Daneben ist noch ein Hochhaus geplant, für welches derzeit noch die Mittel fehlen. Der Murpark wurde entwickelt, die Straßenbahn wurde verlängert, darüber bin ich sehr glücklich.
Wir entwickeln nun auch die Conrad-von-Hötzendorf-Straße weiter. Das ist sowohl für den Leiter des Stadtplanungsamtes, Heinz Schöttli, als auch für mich eine Einfahrtsstraße, die viel Potenzial birgt. Das nächste signifikante Bauwerk wird nun gegenüber der Stadthalle errichtet werden. Dafür habe ich zehn Jahre Herzblut investiert und viele graue Haare bekommen. Das ist ein Investment von 100 Millionen Euro, welches architektonisch mit der Stadthalle und der neuen Messehalle korrespondiert. Noch diesen Herbst wird es grünes Licht für den Styria-Bau geben, ein modernes Medienzentrum, welches nach den Plänen von Architekt Eisenköck entsteht.

Brischnik:
Gerade das Styria Center ist aus Sicht der Vergabe eher ein Rückschlag als ein Highlight. Es gab einen Architekturwettbewerb, dessen Siegerprojekt nicht realisiert wird.

Nagl:
Das Thema „Architekturwettbewerb“ ist schwierig. Ich habe nicht immer Freude damit, dass Wettbewerbe ausgelobt werden. Ich habe gerade bei einem anderen Projekt gekämpft, welches aus einem Wettbewerb entstand und wo es abschließend hieß, dass die Finanzen zur Realisierung der Fassade des Entwurfes fehlen. Da mische ich mich durchaus sehr stark ein, um zu verhindern, dass alles zur Farce wird. Die Stadt Graz muss dahingehend auch Acht geben, um mit ihren eigenen Unternehmen nicht rückfällig zu werden. Es gibt zahlreiche, aber tolle Bauvorhaben in der Stadt, die nach Wettbewerben realisiert wurden und gelungen sind.
Was die Styria-Zentrale konkret betrifft: Gefreut habe ich mich natürlich nicht über die Vorgangsweise der Vergabe. Wenn die Stadt Graz nach einem gewonnenen Wettbewerb einen anderen Architekten beauftragen würde, dann würde das sofort in der Kleinen Zeitung kritisiert werden. Zuerst kam die Styria mit einem Entwurf von einem Architekten, dann wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben. Danach meinte die Styria, dass alle Wettbewerbsergebnisse betriebswirtschaftlich unmachbar seien und kam darum wieder zurück zu jenem, der den ursprünglichen Entwurf gemacht hatte. Das ist ein grundsätzliches Problem – es geht hier um viel Geld. Wenn nun ein Investor darauf besteht, einen Architekten zu beauftragen, dann kann ich ihn nicht dazu zwingen, das nicht zu tun.
Als Highlight werte ich natürlich auch, dass die Thalia jetzt gebaut wird, was ganz stark Stadtrat Gerhard Rüsch zu verdanken ist, der den Gordischen Knoten vertraglich aufgelöst hat. Ich freue mich, dass das Projekt mit der UNESCO, dem Bundesdenkmalamt und der ASVK abgestimmt ist und wir einen wirklich interessanten Bau neben unserem Opernhaus haben werden.
Ein weiteres Highlight für die Stadt ist das Projekt Kastner & Öhler, wo es gelungen ist, die Vorstellungen der Bauherren mit dem Schutz des Weltkulturerbes zu vereinbaren. Darauf bin ich sehr stolz.
Zu den Rückschlägen: Ich bin nach wie vor nicht glücklich damit, dass wir bei Reininghaus keinen Schritt weitergekommen sind. Das heißt aber nicht, dass wir unsere Konzepte ad acta legen, sondern ganz im Gegenteil, unsere Grundüberlegungen für Reininghaus sind vollkommen richtig. Graz wird in den kommenden zehn Jahren um 30.000 Einwohner wachsen. Die Möglichkeiten, welche uns das Reininghaus-Areal bieten, sind dahingehend ein enormes Entwicklungspotenzial, wo wir auch als Stadt aufhorchen lassen können. Es gibt fast keine andere Stadt in Österreich, die ein vergleichbares Potenzial von fast einer Million Quadratmeter mitten im Stadtgebiet hat, die man neu gestalten kann. Neben der Altstadt diese neue Stadt als nachhaltigen Stadtteil des 21. Jahrhunderts gestalten zu können, das interessiert mich unheimlich. Da ist es schade, dass wir aufgrund der finanziellen und steuerlichen Schwierigkeiten rund um das Projekt noch nicht weiter sind, aber im Herbst werden da die nächsten Schritte gesetzt, um weiterzukommen. Ich glaube, ohne Engagement der Stadt wird ein Projekt in der Dimension nicht machbar sein. Darum muss es ein partnerschaftliches Modell mit Beteiligung der Stadt sein.

Brischnik:
Der Fachbeirat für Baukultur soll im Herbst seine Arbeit aufnehmen, wer wird darin vertreten sein?

Nagl:
Baudirektor Bertram Werle und Stadtplanungschef Heinz Schöttli haben von mir den Auftrag, das Gremium international zu besetzen. Die Personen werden im Herbst bekanntgegeben. Ich persönlich habe hier meinen beiden Mitarbeitern freie Hand gelassen, ein Team zusammenzustellen und abzuklären, ob die ausgewählten Personen die Bereitschaft haben, alle zwei Monate nach Graz zu kommen. Es wird ein interessanter Mix aus Damen und Herren, welche unterschiedliche Sparten abdecken. Es werden zwischen fünf und sechs Personen sein, wobei es Ersatzmitglieder geben wird. Diese werden alle zwei Monate in Graz sein und alle Projekte über 2000 m2 Bruttogeschossfläche begutachten. Projekte, welche mit der Stadt über Wettbewerbsverfahren geplant werden, brauchen nicht vor den Fachbeirat gehen, wobei wir darauf achten werden, dass immer jemand aus dem Fachbeirat in der Jury sitzt. Bringt ein Investor seinen Architekten selbst mit, so muss sich dieser dem Fachbeirat stellen.
Wenn der Bauwerber und sein Architekt sich nicht in eine Blockade begeben, sondern sich auf eine Diskussion einlassen, dann kann das zu sehr guten Projekten führen. Im Fall Kastner & Öhler beispielsweise haben die Architekten ganz klar gesagt: „Ihr kritisiert unseren Entwurf und wir lassen das zu!“ Die Architekten haben nicht Primadonna gespielt und waren nicht beleidigt, sondern haben gesagt: „Reden wir über das, was euch stört.“ Das Projekt wurde über fast zwei Jahre in einem langen Prozess angepasst und optimiert. Wenn man nun den ersten Entwurf mit dem Endergebnis vergleicht, dann stellt man fest, dass es eine deutliche Verbesserung gibt. Ich hoffe darum, dass alle zukünftigen BauwerberInnen in Graz diesen Fachbeirat als eine Gruppe von Menschen akzeptieren, die sie dabei unterstützen, Projekte zu optimieren und zu verbessern. Die PlanerInnen und BauwerberInnen sollen wissen, dass es bei dem Fachbeirat nicht um eine Jury geht, die ihnen sagt, ob sie gut oder schlecht sind, sondern um ExpertInnen, die mit Rat und Tat bereitstehen und zur qualitativen Verbesserung von Projekten beitragen.

Brischnik:
Wie sinnvoll ist die Grenze von 2000 m2, wo doch schon mit Projekten unter 2000 m2 Bruttogeschossfläche reichlich Schaden angerichtet werden kann?

Nagl:
Wir haben im Stadtplanungsamt der Stadt Graz kompetente MitarbeiterInnen, welche natürlich weiterhin darauf achten werden, dass in Graz nicht das geschieht, was gegenwärtig in vielen Umgebungsgemeinden vor sich geht. Ich beobachte dort einen untragbaren Wildwuchs der Verbauung. Diesbezüglich verstehe ich auch das Land Steiermark nicht. Wenn man in solche Gemeinden fährt, erkennt man keinerlei geplante, räumliche Entwicklung, da wird alles nebeneinander hingebaut, ohne Rücksicht auf Verluste. Das wird in Graz definitiv nicht geschehen, deshalb habe ich hier meine Mannschaft, und diese soll natürlich aufpassen, dass auch unter der 2000-m2-Grenze die Qualität der Bauvorhaben gesichert ist.

Brischnik:
Wie wird die Schnittstelle des Fachbeirates zur ASVK aussehen?

Nagl:
Ich habe Bertram Werle und Heinz Schöttli sofort darum gebeten, dass die Auswahl der Fachbeiratsmitglieder mit dem neuen Vorsitzenden der ASVK abgestimmt wird, weil ich mir hier einen Gleichklang wünsche. Die Grenzziehung der Verantwortungsgebiete ist durch das Altstadtschutzgesetz klar geregelt. Ich möchte aber vermeiden, dass wir einen inneren und einen äußeren Ring haben. Daher wird es nötig sein, dass man sich abstimmt. Es muss ein Netzwerk entstehen, in dem auch der Altstadtanwalt integriert ist. Wenn alle diese Beteiligten gut miteinander können, dann haben wir einen guten Weg vor uns.

Brischnik:
Es wurde kolportiert, ein ASVK-Mitglied könnte im Fachbeirat für Baukultur sitzen?

Nagl:
Das wird nun nicht der Fall sein, im Fachbeirat werden Personen vertreten sein, die nicht unternehmerisch in Graz tätig sind. Da unterscheidet sich der Fachbeirat deutlich von der ASVK, wo es diesbezüglich in der Vergangenheit immer wieder Schwierigkeiten gegeben hat.

Brischnik:
Wird es zum Antritt des Fachbeirates eine Podiumsdiskussion mit den Mitgliedern desselben gebe?

Nagl:
Selbstverständlich.

Kickenweitz:
Zum Thema Wettbewerbe – es gibt nun auf Bestreben von Heinz Schöttli Wettbewerbe mit vorgeschalteten Workshops in Graz. Wie sehen Sie diese und wo liegt der Mehrwert darin?

Nagl:
Heinz Schöttli wurde von uns bewusst ausgewählt, weil er mit einer komplett neuen Sichtweise von außen an seine Aufgaben herangeht. Schöttli geht durchaus unkonventionell auf Dinge zu. Nun versuchen wir auf dem Sektor Wettbewerbe neue Wege zu gehen. Es gibt derzeit einige Projekte, auf die dieses Schema zur Anwendung kommt. Zum Beispiel das Projekt Niesenbergergasse, ehemals ECE. Hier wird Graz planerisch überraschen. Es sollen dort ausdrücklich keine Wohnghettos geschaffen werden, sondern den Menschen sehr viel Grün angeboten werden. Es wird dort eine grüne Insel in der Stadt geben, welche auch den Menschen der Umgebung zugutekommen soll. Es geht uns in diesem Bereich darum, soziale Brennpunkte zu vermeiden und Qualität zu schaffen. Das wird ein hochwertiges Projekt in einer nicht einfachen sozialen Umgebung.
Auch im Fall des geplanten Lyoness-Hochhauses hat so ein Prozess stattgefunden. Lyoness wollte ein Hochhaus bauen, welches die Grundform des Firmenlogos haben sollte. Es war vorgesehen, dass alle benötigten Funktionen einfach in diesem Grundriss nach oben gezogen werden. Da kam der Investor gemeinsam mit dem Architekten und der Aussage: „Wir haben das Grundstück gekauft, dort kann man so hoch bauen, wir wollen nun möglichst schnell sein.“ Wie geht man mit so einem Investor um? Wir sind dann gemeinsam mit dem Bauwerber an die Planungsüberlegungen herangegangen. Schöttli hat große Erfahrung im Hochhausbereich und hat eingeworfen, dass seiner Ansicht nach die Vorstellungen des Bauwerbers in der Form nicht umsetzbar sind. Durch seine Erfahrung wurde Lyoness umgestimmt, der nun ein anderes Modell als ein Hochhaus bauen wird. Die geplanten Funktionen wie ein Hotelbetrieb, Büros, Schulungsräumlichkeiten usw. sollen nun baulich getrennt und anders verteilt werden. Das wird nun über Workshops entwickelt und ich glaube, dass wir demnächst ein schönes Projekt präsentieren können. Das Projekt wird nicht mehr die ursprünglich geplante Höhe haben und ich glaube, es war gut, dass die Beratung durch Schöttli stattgefunden hat. Das Projekt wird eine neue räumliche Platzqualität schaffen. Städtebaulich ist in dem Areal viel zu tun. Darum ist es wichtig, dort ein Initialprojekt zu setzen, ähnlich wie in der Conrad-von-Hötzendorf-Straße. Wir hoffen, dass dadurch auch andere spannende Projekte nachziehen. Ich sehe darin eine große Chance, denn man kann mit Investitionen positiv anstecken. Das versuchen wir nun mit verschiedenen Stadtteilen.

Brischnik:
Sie haben vor, das Thema der Baugruppen aufzugreifen. Welche Grundstücke sind dafür angedacht?

Nagl:
Im Herbst werde ich mit Gerhard Rüsch die ersten Grundstücke dafür auswählen. Es geht mir bei dem Thema vor allem um das Schaffen von Eigenheim. Ich habe festgestellt, dass Menschen, die nur mieten, beim Verlust ihres Arbeitsplatzes oft nicht mehr für ihre Wohnungen aufkommen können. Graz hat mit etwa 70 % noch einen sehr starken Anteil an Wohnungseigentum gegenüber 30 % im Bereich der Mietwohnungen, was erfreulich ist. Mir ist es als Bürgermeister wichtig, dass die Menschen glücklich sind. Wenn sie nicht glücklich sind, dann stecken meistens Ängste dahinter und diese Ängste kann man vermindern. Gegenwärtig müssen wir es uns zur Aufgabe machen, unsere Stadt krisensicher zu gestalten. Mit dem Modell der Baugruppen kann man da positiv Einfluss nehmen. Ich wünsche mir auch, dass die Genossenschaften die Vermietung reduzieren und viel stärker in die Eigentumsbildung gehen. Das lässt sich beispielsweise über Mietkaufmodelle sehr gut organisieren. Das wünsche ich mir für die Bevölkerung und für die Zukunft von Graz. Das Baugruppenmodell setzt dort an. Es wird nach den Vorstellungen der Nutzer geplant und gebaut, wodurch auch die Kosten minimiert werden können. Die Stadt wird das Konzept fördern, indem wir Grundstücke suchen, die wir im Moment nicht benötigen und anbieten können. Diese Grundstücke werden in den ersten fünf Jahren nicht zu bezahlen sein. Dann ist über ca. 15 Jahre Baurechtszins zu bezahlen. Wenn dann das 20. Jahr erreicht ist, in welchem meistens die Finanzierungsdauer der Kredite für den Bau endet, besteht die Option zu kaufen, oder weiterhin Baurechtszins zu bezahlen.

Brischnik:
Sehen Sie auch städtebaulich Vorteile in den Baugruppensystemen?

Nagl:
Auf alle Fälle. Wer sich internationale Beispiele für Bebauungen durch Baugruppen ansieht, erkennt, dass es zu kleinteiligen Stadtgebieten mit viel Liebe zum Detail kommt. Die Individualität wird gelebt und trotzdem kann ein neues Ganzes entstehen.

Brischnik:
Die Projekte von Investoren wie z. B. SOB-Bau in der Alten Poststraße stoßen aufgrund ihrer maßstabslos großen Dimensionen oft auf heftige Kritik der Bevölkerung und erwecken Ängste. Wäre es vorstellbar, über die Parzellierung von Grundstücken im Bebauungsplan auch private Investoren in innerstädtischen Gebieten zur Bebauung in Baugruppen zu bewegen?

Nagl:
Das ist ein großer Eingriff in das Eigentum, aber ich würde mir durchaus wünschen, dass auch Private dieses Modell übernehmen.

Brischnik:
Wäre das Modell der Baugruppen auch auf dem Areal der Hummelkaserne und auf den Reininghausgründen denkbar?

Nagl:
Ja, das ist durchaus ein Thema.

Kickenweitz:
Um beim Thema Reininghaus zu bleiben: Wie stellen Sie das sich vor, wenn Sie 2025 über die Reininghausgründe gehen?

Nagl:
Hinsichtlich des gesamten Stadtbildes freue ich mich darauf, dass wir zwei Pole haben werden. Die Bipolarität der Stadt, eine Altstadt und eine Neustadt zu haben, würde die alte und in den Köpfen gewachsene Strukturierung von Graz endgültig aufheben. Der reiche Osten und der arme Westen, das wäre dann endgültig Geschichte.
In Reininghaus wollen wir auf die Qualität der Architektur großen Einfluss nehmen und das geht am besten, wenn man Eigentümer ist. Das war der Grund, warum Gerhard Rüsch und ich uns dafür ausgesprochen haben, unbedingt zu kaufen. Wir wollten über die Bebauungspläne hinaus einwirken und schauen, dass dort nachhaltige Gebäude realisiert werden, die dem 21. Jahrhundert entsprechen. Dazu gehört nicht, dass alle eine Solaranlage am Dach haben, es spielen natürlich auch Themen wie soziale Nachhaltigkeit eine Rolle. Die Erreichbarkeit für Mütter mit Kinderwägen und Senioren soll funktionieren, das Thema einer autofreien Stadt soll gelebt werden können, es kann ein energieautarker Stadtteil werden usw. Wenn uns das gelingen würde, dann bräuchten wir uns um den Tourismus auch keine Sorgen mehr zu machen. Deshalb dränge ich darauf, sich die Chance nicht entgehen zu lassen. Das heisst aber auch, dass wir uns mit dem jetzigen Eigentümer vernünftig einigen müssen. Dr. Douglas Fernando wurde uns über Nacht vorgestellt. Nun hat dieser festgestellt, dass die steuerlichen Probleme in Wirklichkeit für keinen Privaten lösbar sind. Deshalb glaube ich, dass es letztendlich ein PPP-Modell (Public Private Partnership) werden muss, auch mit einer starken Beteiligung der Stadt und mit einer Beteiligung von Banken und Privaten.

Kickenweitz:
Wie verträgt sich die Vision der autofreien Stadt mit dem Grundstücksverkauf an den ÖAMTC, welcher dort sein Headquarter errichten möchte?

Nagl:
Bei einer Million Quadratmeter Fläche, welche der von der Stadt Graz beschlossene Rahmenplan umfasst, gibt es natürlich unterschiedliche Zonierungen. Es liegt dort auch Schwerindustrie in unmittelbarer Nachbarschaft der Wohngebiete. Die Gebiete sind natürlich unterschiedlich zu betrachten. Ich wünsche mir auch, dass es eine vernünftige Erreichbarkeit gibt. Ich selbst habe neun Jahre in der Herrengasse gewohnt. Das war immer ein Abenteuer, wenn ich mit meiner Familie vom Schiurlaub zurückgekommen bin und alle Sachen über die Herrengasse schleppen musste. Die grundsätzliche Erreichbarkeit muss also gewährleistet sein.

Brischnik:
Wir ersuchen Sie abschließend um kurze Statements zu acht aktuellen Schlagworten:

Brischnik: Andreas-Hofer-Platz
Nagl: Wettbewerb wird jetzt gestartet.

Brischnik: Kommod-Haus
Nagl: Schade, dass Zaha Hadid noch nicht gebaut hat.

Brischnik: Murseilbahn
Nagl: Es wird was hängen bleiben.

Brischnik: Musikpavillon im Stadtpark
Nagl: Hilfsangebote gibt es, manchmal muss man Grenzen aufzeigen.

Brischnik: Grün
Nagl: Anstrengend

Brischnik: Hafnerriegel
Nagl: Verbaut

Brischnik: Murkraftwerk
Nagl: Wird das Stadtbild und das Leben in der Stadt positiv beeinflussen

Brischnik: Partizipation / Bürgerbeteiligung
Nagl: Immer auf der Suche nach neuen Modellen

Brischnik: Danke für das Gespräch!

Interview – Martin Brischnik / Petra Kickenweitz
Text – Martin Brischnik
Erschienen auf www.gat.st am 19.09.2011