Interview – Dr. Fritz Binder-Krieglstein: Thema Energie

Fritz Binder-Krieglstein bezeichnet sich selbst als Lobbyist für dezentrale und erneuerbare Energieformen. In seinen Vorträgen und Publikationen verurteilt er vor allem die “Energiemonopolitik” der führenden Energiekonzerne und Regierungen.

Brischnik:
Sie sprechen immer wieder von der Energiewende. Wie definiert sich diese?

Binder-Krieglstein:
Der Begriff der „Energiewende“ bezeichnet die Zeit des Übergangs von unserem gegenwärtigen, fossil-atomaren, zu einem dezentralen, effizienten und erneuerbaren Energiesystem. Wir befinden uns alleine aufgrund der zur Neige gehenden fossilen Ressourcen in dieser Energiewende. Das bestreitet auch niemand aus dem fossil-atomaren Energiebereich. Betrachtet man die Situation im Fall des Erdöls, welches momentan der der bestimmende Energieträger ist, so wird davon ausgegangen, dass spätestens 2020 das globale Ölfördermaximum, der„Peak Oil“, erreicht wird. Die früheste Annahme hierfür lag bei Ende 2006. Wir befinden uns nun genau auf dem Höhepunkt dieser Kurve. Sobald diese dann steil bergab geht, ist mit enormen Preissteigerungen zu rechnen.

Brischnik:
Sie prägen auch den Begriff der Energie – Monopolitik?

Binder-Krieglstein:
Ich bezeichne damit den engen Paarlauf der Energiekonzerne, die meistens als Monopole oder Oligopole agieren, mit der nationalen Energiepolitik.

Brischnik:
Was verstehen Sie unter der von Ihnen propagierten „Energielüge“?

Binder-Krieglstein:
Man kann den Vertretern der fossil-atomaren Energie in zahlreichen Bereichen Lügen vorwerfen. Besonders gefährlich sind diese aber am Sektor der Ökologie, wo enorm hohe Summen in Lobbying und Imagepflege investiert werden. Einer Erhebung zufolge lag der Halbjahresbedarf für Marketing der fossilen Energieträger in den USA vor zwei Jahren bei etwa 480 Millionen US Dollar. Damit wurden Medien beeinflusst, um gezielte Informationen zugunsten der Energiekonzerne zu kommunizieren.

Brischnik:
Wenn wir uns nun aber bereits in der Energiewende befinden und die fossil-atomaren Energieformen ab dem „Peak Oil“ immer teurer werden, wird dann der Ökostrom nicht aus Gründen der Ökonomie von selbst die bestehenden Energieformen ersetzen?

Binder-Krieglstein:
Die momentane Marktsituation ist die: Wenn ein neues System auf den Markt kommt, dann muss es die Markteinstiegsphase überstehen. Dagegen verteidigen sich die herrschenden Systeme. Das Lobbying der fossil-atomaren Energieträger bezweckt natürlich, die Konkurrenz schlechtzumachen. Seit vielen Jahrzehnten bestehen zudem engste Beziehungen der großen Energiefirmen mit den nationalen Regierungen. Durch gezieltes Lobbying wird hier auch die Politik ausgenutzt.

Brischnik:
Wird dieses Lobbying aber mittelfristig nicht obsolet, wenn die fossilen Rohstoffe zu Ende gehen und damit nicht mehr wirtschaftlich sind?

Binder-Kriegelstein:
Das ist richtig, wir könnten auch warten, bis sich der Ökostrom von selbst durchsetzt. Dazu muss man das gegenwärtige Szenario auf dem Energiemarkt betrachten: Dem Markteinstieg des Ökostroms wurde vonseiten der großen Energiekonzerne bis vor etwa drei bis fünf Jahren kaum Beachtung geschenkt. Erst dann haben die erneuerbaren Energieträger in einigen Bereichen ökonomisch den etablierten fossil-atomaren Energiekonzernen ernst zu nehmende Probleme bereitet. Nun reagiert die fossil-atomare Energieindustrie darauf mit zwei Strategien: Zum einen wird die Ökostromerzeugung betreffend deren Wirtschaftlichkeit in Frage gestellt und lächerlich gemacht.
Zum anderen werden die Konkurrenzunternehmen unter dem Motto „If you can’t beat them, buy them“ ganz einfach aufgekauft.
Den fossil-atomaren Energiekonzernen ist bewusst, dass es längerfristig kein billiges Öl mehr geben wird. Die Tatsache „There is no more cheap oil“ wurde in den USA bereits medial kommuniziert. Eine Konsequenz der Energiekonzerne wird die Entwicklung der zentralistischen Solarwirtschaft sein. Das bedeutet, wenn man sich zurücklehnt und die Energiefrage der Politik und den Konzernen überlässt, dann werden wir zwar ebenfalls im Solarzeitalter landen, aber eben in einem zentralistischen, im Sinne der Energiemonopolitik.

Brischnik:
Reagieren die Energiekonzerne mittelfristig auf unsere aktuellen Klimaprobleme?

Binder-Krieglstein:
Derzeit werden unsere Energiesysteme massiv von Gas, Öl und Kohle dominiert, was sich hinsichtlich der Klimaproblematik äußerst negativ auswirkt. Die Exit-Strategien der Energiekonzerne sehen folgendermaßen aus: Es wird noch mehr Atomenergie produziert werden. Man baut auf neue Technologien wie schnelle Brüter und Kernfusion, welche gefährlich und ökologisch äußerst bedenklich sind. Von der Kernfusion nimmt man an, dass sie in frühestens fünfzig Jahren einsetzbar ist.
Eine weitere Strategie der Energiepolitik versteckt sich hinter der Abkürzung CCS (Carbon Dioxide Capture and Storage). Wenn Kohle, Gas und Öl zu Strom verarbeitet werden, fallen hohe CO2-Emissionen an. Im Rahmen der CCS-Technologie soll dieses CO2 nun aus den Abgasen gefiltert und in unterirdische Hohlräume wie z. B. ehemalige Erdgas – Lagerstätten gepumpt werden, um dort zu lagern. Wie schlecht solche Lösungen funktionieren, zeigt sich an den gegenwärtigen Problemen hinsichtlich der Lagerung von atomaren Abfällen.
Wenn wir also den heutigen Energiekonzernen die Energiewende überlassen, so landen wir wahrscheinlich in einem weiteren Atomzeitalter.

Brischnik:
Eine Frage in Richtung des Bauwesens. Es wird kolportiert, dass weltweit 25 % der Energie dem Verkehr, 25 % der Industrie und etwa 50 % dem Bauwesen (Erbauung, Energieversorgung und Abbruch von Gebäuden) zuzurechnen sind. Wie sehen Sie die Verantwortung, die auf die ArchitektInnen zukommt?

Binder-Krieglstein:
Dazu fällt mir die Aussage ein: „Heizen und Kühlen ist das dauernde Lösen von bautechnischen Problemen.“
Ich sehe die Herausforderungen heute vor allem auf dem Sektor des Kühlens. Im Bereich des Heizens wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Entwicklungen wie Erdwärmepumpen etc. realisiert. Gekühlt wird nach wie vor hauptsächlich über strombetriebene Systeme.

Brischnik:
Eine pragmatische Frage: Welches Heizsystem empfehlen Sie jemandem, der heute ein Einfamilienhaus bauen möchte?

Binder-Krieglstein:
Vorweg gilt es, den Anteil der eingekauften und damit teuren Energie möglichst gering zu halten. Darum muss in unserer Klimazone vor allem gedämmt werden, der Energieverlust in den kalten Jahreszeiten ist möglichst gering zu halten. Im Sommer muss natürlich der passive Wärmeeintrag minimiert werden.
Betreffend die Wahl des Heiz- beziehungsweise Energiesystems gibt es derzeit fünf erneuerbare Energieformen: Wasser, Wind, Sonne, Erdwärme und Biomasse. Von diesen fünf sind vier CO2-einsparend, die Biomasse ist CO2-neutral. Die Biomasse muss im Unterschied zu den übrigen Energieformen zu ihrer Verwendung veredelt werden. Sonne, Wind, Wasser und Erdwärme stehen zudem kostenlos zur Verfügung, wogegen die Preise für Pellets und Hackschnitzel ist in den vergangenen zwei Jahren um etwa 25 % gestiegen sind. Die Biomasse ist als Energieform daher vom Markt abhängig, was nachteilig ist.
Als ideale Kombination betrachte ich eine Erdwärmepumpe mit einer Photovoltaikanlage, wodurch die Pumpe mit Solarstrom betrieben wird.
Würde ich mir ein Haus bauen, dann entspräche dieses dem Passivhausstandard. Ich hätte eine kontrollierte Wohnraumbe- und entlüftung, welche mit Strom aus meiner Photovoltaikanlage betrieben würde. Ich würde weiters eine kleine Wärmepumpe oder eine kleine Solarthermieanlage für Brauchwasser betreiben.
Der solaren Stromerzeugung wird in nächster Zeit enorme Bedeutung zukommen. Vor etwa einem Monat hat „Volkswagen“ zusammen mit dem Batterieproduzenten „Varta“ bekanntgegeben, dass im Rahmen eines Joint Ventures bis zum Jahr 2016 die Kosten für Batterien, wie sie in Elektroautos verwendet werden, von heute ca. 10.000 EUR auf ca. 3.000 EUR gesenkt werden sollen. Solche Batterien ermöglichen es dann Privaten, ihren überschüssigen Strom aus Photovoltaikanlagen zu speichern und z. B. für die E-Mobilität zu nutzen.

Brischnik:
Wenn die Photovoltaik immer günstiger wird, kann dann in Zukunft auf übermäßiges Dämmen verzichtet werden?

Binder-Krieglstein:
Richtig ist, dass die Photovoltaik günstiger wird. Trotzdem stellt sich immer die Frage nach dem Energiebedarf, auf dessen Basis sich die Größe der notwendigen Photovoltaikanlage errechnen lässt.
Der Energiebedarf für ein Einfamilienhaus liegt in Österreich heute bei etwa 4.500 bis 5.000 kWh pro Jahr. Um diesen Strombedarf ganzjährig zu decken, wird eine 3,5- bis 4kW-Anlage benötigt, welche einer Photovoltaikanlage mit einer Fläche von etwa sieben Quadratmetern pro kW, also 28 Quadratmetern in Summe, entspricht. Diese Fläche lässt sich natürlich durch entsprechende Dämmmaßnahmen minimieren. Zu berücksichtigen ist auch die E-Mobilität, welche in wenigen Jahren zum Standard werden wird. Hierfür sollten zusätzlich zwei kW vorgesehen werden, womit insgesamt 42 Quadratmeter Photovoltaik unterzubringen wären.
Eine solche Anlage sollte, wenn möglich, nach Süden ausgerichtet und etwa 15 bis 30 Grad geneigt sein. Im Unterschied zu Solarthermieanlagen und Wasserkollektoren ist eine senkrechte Anbringung der Photovoltaikanlage äußerst nachteilig und führt selbst bei Ausrichtung nach Süden zu Verlusten von 25 %.
Um auf die Frage zurückzukommen – wenn die Kosten der Photovoltaikanlagen sich weiter nach unten entwickeln und ausreichend geeignete Dachflächen vorhanden sind, ist es längerfristig durchaus denkbar, an Wärmedämmung einzusparen und Wärmeverluste über die eigene Energieproduktion wettzumachen. Aber selbst wenn die Photovoltaik-Anlagen, vor allem durch die wirtschaftlichere Massenproduktion, in Zukunft günstiger werden, so bleiben es dennoch hohe Investitionskosten. Hinsichtlich der Effizienz und der Wirkungsgrade der Anlagen sind übrigens keine enormen Verbesserungen zu erwarten. Die Technologie geht hier derzeit nur in kleinen Schritten voran.

Brischnik:
Kennen Sie in Österreich energetische Vorzeigebauten, vor allem am Sektor öffentlicher Bauten und Bürobauten?

Binder-Krieglstein:
Aus energetischer Sicht sind mir in jüngster Zeit beispielsweise der UNIQA Tower in Wien und die Raiffeisenbank in Murau als erstes österreichisches Bankgebäude im Passivhausstandard positiv aufgefallen.

Brischnik:
Welche Rolle kommt auf Gemeinden und Städte zu, wenn diese neue Siedlungsgebiete infrastrukturell erschließen? Sollte zugunsten der dezentralen und erneuerbaren Energiesysteme am besten gar keine zentrale Energieversorgung vorbereitet werden?

Binder-Krieglstein:
Derzeit sind die Betriebskosten die zweite Miete. Wenn ich also an sozialen Wohnbau denke und dabei tatsächlich sozial denke, dann muss ich versuchen, diese Kostenfaktoren für die Bewohner eines solchen Siedlungsgebietes möglichst gering zu halten. Daraus resultiert wiederum, dass der Zukauf von Energie zu vermeiden oder gering zu halten ist. Vorausschauend ist dafür zu sorgen, dass die Dachflächen von Neubauten zukünftig frei nutzbar sind. Studien belegen, dass in Österreich der Energieverbrauch bis 2050 gegenüber heute halbiert werden wird. Der darin enthaltene Anteil von Elektrizität wird bis dahin prozentuell deutlich nach oben gehen. Es gilt also für Städte und Gemeinden dem gerecht zu werden, die dezentrale Stromversorgung zumindest vorzubereiten und auch die E-Mobilität durch E-Tankstellen, Stromzähler usw. in die Planungen einzubeziehen.

Brischnik:
In Graz läuft nach wie vor die Diskussion betreffend den bevorstehenden Bau des Grazer Wasserkraftwerkes. Die Kraftwerksgegner werfen dem Projekt neben ökologischen Bedenken vor, ineffizient zu sein. Wie stehen Sie dazu?

Binder-Krieglstein:
Die OECD hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, der zufolge weltweit 500 Milliarden Doller pro Jahr an Subventionen in den Sektor der fossilen Energie fließen. Der atomare Sektor wird sogar noch intensiver gefördert. Die volkswirtschaftlich so notwendige Energieversorgung funktioniert also in jedem Fall nur über Zuzahlungen.
Legt man diese Erkenntnis auf das Flusskraftwerk an der Mur um, so gilt es nicht, die erhoffte Effizienz mit der dann erzielten zu vergleichen, sondern die Kosten mit denen für fossile und atomare Energie zu vergleichen. Dann rentiert sich ein Flusskraftwerk volkswirtschaftlich. Was zählt, ist die volkswirtschaftliche Gewährleistung der lebenswichtigen Energieversorgung.
Das beantwortet aber keineswegs die ökologische Situation, welche ich auch kritisch betrachte. Aus rein ökonomischer Sicht sollte das Kraftwerk gebaut werden.

Brischnik:
Danke für das Gespräch.

Erschienen auf www.gat.st am 07.09.2011