Interview – Roland Zünd, CEO und Designer der Firma ZÜCO

Martin Brischnik im Gespräch mit Roland Zünd, CEO und Designer des Schweizer Möbelherstellers Züco zum Thema der Gestaltung zukünftiger Arbeitsräume.


Brischnik:

ArchitektInnen beschäftigen sich mit der Gestaltung von Arbeitsräumen, welche erst durch die Einrichtung komplettiert werden. Wie werden Arbeitsräume in nächster Zukunft aussehen?

Roland Zünd:
Es wird sich die gesamte Büroarbeit in Zukunft grundlegend verändern. Heute ist es bereits möglich und üblich, rund um die Uhr und ortsunabhängig zu arbeiten. Die gegenwärtigen Kommunikationsmittel mit ihren Möglichkeiten der Vernetzung bewirken, dass der klassische Arbeitsplatz in den Hintergrund rückt. Vielmehr wird das Büro als Raum für Kommunikation und als sozialer Treffpunkt genutzt. Umso wichtiger wird es werden, dass die Architektur gemeinsam mit der Einrichtung dazu beitragen, dem Nutzer ein angenehmes Umfeld zu schaffen, sodass er sich in den Arbeitsräumen wohl fühlt.

Brischnik:
Plant man als ArchitektIn Büroräume, so werden von Nutzerseite häufig Einzelbüros für jeden Mitarbeiter gefordert. Als ArchitektIn möchte man oft ein Umdenken zu großzügigeren und flexibleren Raumstrukturen mit mehreren Arbeitsplätzen anregen. Sehen Sie Tendenzen?

Roland Zünd:
Häufig sind MitarbeiterInnen an ihr eigenes und sehr persönliches Arbeitsumfeld mit definierter Grundfläche und individueller Einrichtung – „Mein Büro“ – gewöhnt. Hier spielen soziale Gesichtspunkte eine große Rolle. Heute stehen allerdings immer mehr der Nutzen der Tätigkeit und das Resultat im Vordergrund. Es wird vermehrt in Teams gearbeitet, weshalb auch kommunikations- fördernde Teamarbeitsplätze zunehmend an Bedeutung gewinnen. Ein Umdenken, weg von kleinen Einzelbüros, kann natürlich nur von der Unternehmerseite ausgehen. Die Tendenz, weg vom isolierten Einzelarbeitsplatz ist sicher gegeben. Die eingeschränkte Intimsphäre größerer Arbeitsräume macht es in der Folge nötig, Rückzugszonen einzurichten, in welchen z.B. telefoniert oder konzentriert gearbeitet werden kann. Die Gestaltung der Arbeitsräume ist in Summe sehr stark von der Tätigkeit des Unternehmens abhängig.

Brischnik:
Läge man der Gestaltung des Arbeitsplatzes der Zukunft nicht nur wirtschaftliche und unternehmerische, sondern auch ergonomische Aspekte zugrunde – wie würde er dann aussehen?

Roland Zünd:
Der Mensch ist grundsätzlich nicht zum Sitzen geboren, sondern zum Gehen. Der Tisch hat sich als Arbeitsfläche hinsichtlich seiner Anforderungen verändert. Elektronische Medien, Netzwerke usw. werden vermehrt zur Archivierung genutzt, weshalb die Tischfläche ihre Funktion als reine Arbeitsfläche bekommt. Zur Archivierung von Unterlagen dient das Versorgungsmöbel in Form eines kleinen Schrankes. Die funktionell frei gespielte Arbeitsfläche „Tisch“ kann dadurch ergonomischen Anforderungen entsprechen, und z.B. durch Höhenverstellbarkeit das Arbeiten im Stehen und Sitzen ermöglichen.
Weiters kann die Anordnung der Funktionsbereiche und deren Gestaltung die unterschiedlichen Bewegungsformen ermöglichen. So fördert die Definition eines zentralen Bereiches für Drucker und Kopierer das „Gehen“. Besprechungs- und Konferenzräume können mit Stehtischen ergänzt werden. Die Einrichtung von Loungebereichen, welche für Meetings und Besprechungen genutzt werden können, ermöglicht und fördert ganz andere Arten der Kommunikation. Die Gesprächspartner „verstecken“ sich dort nicht hinter Tischen, befinden sich in einer entspannten Haltung und begegnen einander dadurch anders. Hinsichtlich der Ergonomie ist es immens wichtig, diese Wechselhaltung zu forcieren.

Brischnik:
Die gegenwärtige Wirtschaftskrise bewirkt in vielen Branchen das Überdenken eingebürgerter Dogmen. In der Architektur werden Ökologie und Nachhaltigkeit ernster genommen. Häuser werden nicht mehr nur auf Basis der Baukosten bewertet, sondern über ihren gesamten Lebenszyklus bis hin zu ihrem Abbruch und Recycling betrachtet. Inwiefern ist Ökologie ein Thema der Möbelindustrie, und wie lange ist der Lebenszyklus eines Büromöbels?

Roland Zünd:
Hinsichtlich des Lebenszyklus von Büromöbeln unterscheidet man Stuhl, Tisch und Versorgungsmöbel, also Schrank. Im Fall von Stühlen, welche als dynamische Elemente täglich genutzt werden, liegt die Lebensdauer bei etwa acht bis zehn Jahren. Bei Tischen geht man von etwa zwölf Jahren und im Versorgungsbereich – bei Schränken – von über fünfzehn Jahren Lebenserwartung aus. Züco strebt durch einen hohen Qualitätsanspruch das Überschreiten dieser statistischen Werte an. Die Qualität, die Umweltverträglichkeit und auch die Möglichkeiten des Recyclings der verwendeten Materialien spielen daher eine sehr große Rolle. In Australien beispielsweise, wo Züco ebenfalls aktiv vertreten ist, wird den Themen der Nachhaltigkeit und Ökologie ein sehr hoher Stellenwert beigemessen. Sowohl die Herstellung des Möbels als auch das Möbel selbst muss sehr hohen Anforderungen entsprechen, um dort auf den Markt kommen zu können.

Brischnik:
Wie wichtig sind Auszeichnungen, wie z.B. der „Red Dot Design Award“?

Roland Zünd:
Auszeichnungen sind vor allem Bestätigungen. Klarerweise können diese dann marketingtechnisch genutzt werden. Wenn eine Auszeichnung hinter einem Design steht, vermittelt das dem Kunden eine geschmackliche Sicherheit.

Brischnik:
Farbgebung polarisiert, weshalb DesignerInnen und ArchitektInnen häufig zur Farblosigkeit neigen. Soll ein Design Farbe bekennen?

Roland Zünd:
Nicht nur unsere eigenen Statistiken, sondern auch die Informationen unserer Textillieferanten, welche Rückschlüsse auf die Situation bei unseren Mitbewerbern zulassen, zeigen, dass wir derzeit in einer grauen Landschaft zu Hause sind. Die Stühle sind schwarz und grau, also ohne jede Farbe. Ich bin der Meinung, dass die Farbe ebenso wie die Materialisierung und die Form Teil des Designs sein muss. Farben haben das Potential eine Form und einen Ausdruck zu verändern. Farben werden von jeder Person sehr unterschiedlich wahrgenommen und empfunden. Vor allem im Bereich hochwertiger Produkte werden daher heute häufig schwarze Oberflächen gewählt, um keine Fehler zu begehen. Lederoberflächen werden fast ausschließlich in schwarz gewählt. Hier fehlt es vor allem bei den Bauherren an Mut zur Farbe.

Brischnik:
Züco produziert ausschließlich auf Bestellung?

Roland Zünd:
Alle unsere Produkte sind individuell gefertigte Produkte, die zum Zeitpunkt ihrer Produktion bereits verkauft sind und einen Verwendungsort haben. Der Kunde hat dadurch die Möglichkeit, aus diversen Materialien, Bezügen, Oberflächen und Farben zu wählen. Diese Individualisierung des Produktes durch den Kunden verleiht dem Produkt eine deutlich höhere Wertigkeit.

Brischnik:
Wie weit kann die Kundin/der Kunde das Design tatsächlich mitgestalten? Geht das Mitspracherecht über den Bezug und die Farbe hinaus?

Roland Zünd:
Wenn es um ein Projekt geht, bei dem das Produkt mit einer Entwurfsidee verschmelzen muss, so gibt es natürlich Möglichkeiten, gemeinsam mit Architekten das eine oder andere Element hinsichtlich seiner Form und Materialisierung neu zu gestalten. Züco hat hier den Vorteil, als Designmanufaktur flexibel reagieren zu können.

Brischnik:
Wie oft kommen solche Prozesse in der Praxis vor?

Roland Zünd:
Oft! Etwa 15% der Aufträge weichen vom Standard ab.

Brischnik:
Wie gelingt es Ihnen, die Tätigkeit des Geschäftsführers mit der des Designers zu vereinen?

Roland Zünd:
Durch meine Tätigkeit als Geschäftsführer bin ich permanent mit dem Markt und den Anforderungen konfrontiert. Durch diesen Input habe ich häufig sofort das Profil an ein neues Produkt vor Augen. Nichtsdestotrotz basieren die Entwurfsprozesse in der Regel auf der Zusammenarbeit mit DesignerInnen. In deren Diskussionen bin ich intensiv eingebunden und spreche ein gewichtiges Wort zum Thema Design mit. Von externen DesignerInnen fordere ich vor allem Einzigartigkeit – das ganz Spezielle, da man mit „0815 – Produkten“ heute auf dem Markt keine Chance mehr hat.

Brischnik:
Ich bedanke mich für das Gespräch!

Erschienen auf www.gat.st am 23.11.2009