Joint action in architecture – Getting political again?

Die Welt steckt – vereinfacht betrachtet – in der Krise. Bei genauerer Betrachtung sind es gleich unzählige Krisen, die uns zeitgleich zu schaffen machen. Die prominentesten sind gegenwärtig die Wirtschafts- und Finanzkrise, gefolgt von der Klimakrise und der Energiekrise. Bestehende wirtschaftliche, soziale und politische Systeme werden diskutiert und hinterfragt, und in vielen Bereichen sind Korrekturen notwendig.
Anlass genug, sich im Rahmen eines dreitägigen, internationalen Symposiums vom 2. bis 4. Juli 2009 im Grazer „Haus der Architektur“ zu fragen, welche Antworten die Architektur auf all die Krisen geben kann und soll. Ist es an der Zeit gemeinsame Ziele zu formulieren und deren Umsetzung einzufordern? Wie groß ist das politische Potential von Architektur? Was kann Architektur in unserer Welt verändern?

Michael Sorkin (Universitätsprofessor in den USA und Architekt mit Schwerpunkt Städtebau) hat bereits mediengerecht eine Antwort auf diese Fragen gegeben und dem frisch gewählten Präsidenten der USA, Barack Obama, Anfang 2009 in einem offenen Brief unter dem Titel „How to spend $800 billion“ ein Zehn-Punkte Programm zur nachhaltigen Verwendung des geplanten Konjunkturpaketes vorgeschlagen. Neben der Investition in Schulbauten und in Innovationen, fordert Sorkin den Bau neuer „eutopischer“ Städte, welche er im Rahmen des Symposiums in einem Manifest definiert. Grün sollen sie sein, gerecht, angemessen, offen, nachbarschaftlich und in ihrer Größe begrenzt. Barack Obama hat auf Sorkins Brief bislang übrigens noch nicht geantwortet.

Die Auslöser und Hintergründe der Wirtschafts- und Finanzkrise können Ökologen wie Roland Mestel (Universitätsprofessor an der KF Uni Graz) logisch und nachvollziehbar erklären, bezüglich der Wege aus der Krise kann aber auch er keine Prognosen abgeben. Ob der „Status Quo“ wieder hergestellt wird oder aber eine völlige Neuorganisation des Finanzmarktes stattfinden wird, ist derzeit offen, fix scheint einzig – „The Markets will fluctuate“ (J.P. Morgan).
Die Visionen von Christian Felber (Lektor an der WU Wien, Gründungsmitglied „Attac“ Österreich), welcher gemeinnützige „Good Banks“ fordert und den Kapitalismus im Allgemeinen abgeschafft sehen möchte, scheinen auch keine realistische Lösung zu bieten.

Brian Cody (Universitätsprofessor an der TU Graz und Leiter des Instituts für Gebäude und Energie) zeigt die Verantwortung der Architektur drastisch auf. Die Hälfte des weltweiten Energieverbrauches falle auf Gebäude, nur je ein Viertel auf die Industrie und den Verkehr. Die Aufgabe des Architekten sei es, energieeffizient zu planen, innovative und nachhaltige Konzepte zu entwickeln und energetische Strukturen verantwortungsbewusst und umfassend zu optimieren. Offen bleibt die Frage, wie Auftraggeberinnen und Auftraggeber von der Investition in solche neuen Technologien überzeugt werden können, solange diese von politischer Seite nicht gefordert und gefördert werden. Gegenwärtig wird von staatlicher Seite neben dem Energieausweis nur blindwütiges und oft nutzloses thermisches Sanieren vorgegeben.
Eine Lösung bietet hier vielleicht die Sichtweise von Petra Čeferin (Architektin und Gastprofessorin an der Universität Ljubljana), welche ebenfalls an das Verantwortungsbewusstsein der Architektinnen und Architekten appelliert. Wenn ein Bauwerk sich nicht durch oberflächliches Design definiert, sondern der Planung innovative Neuerungen zugrunde liegen, so kann etwas bewirkt werden. Das Gebäude ist dann nicht nur ein physisches Bauwerk, sondern ein Beispiel für Architektur. Anhand solcher Bauten dann glaubhaft gezeigt werden, dass Architektur zur Lösung sozialer und ökonomischer Probleme fähig ist.

Auch Zvi Hecker (Architekt in Berlin) bezieht mit seinen gebauten Projekten aktiv und kritisch Stellung. Er nutzt die Möglichkeiten des Entwurfes, um politisch Position zu beziehen und nachhaltige Botschaften zu hinterlassen. Im Jänner 2009 kritisierte er in seinem Manifest „Die Ära der Exzesse ist vorbei“ die verantwortungslose Formensprache der Architektur der letzten Jahrzehnte.
In dieselbe Kerbe schlägt Srdjan Jovanovič Weiss (Architekt, Autor, Dozent und Lektor an mehreren Universitäten in den USA). Auch er legt seinen Entwürfen kritische und oft zynische Statements zugrunde. Wie viele der Referenten des Symposiums belässt Weiss es aber nicht beim Bauen kritischer Architektur, sondern nimmt auch in seinen Büchern Bezug zur Rolle der Architektur in der Gesellschaft.

Unabhängig voneinander lenken sowohl Markus Miessen (Architekt, Autor, Lektor) als auch Francesca Ferguson (Direktorin des S AM Basel, Kuratorin, Journalistin) den Blick auf Beispiele städtebaulicher Projekte, welche unter aktiver Partizipation von Bürgerinnen und Bürgern entstanden. Angesichts der Finanzkrise investieren die Regierungen in das Bauwesen, und es käme in vielen Städten, oft auf Bestreben von Bürgerinitiativen, zu alternativen Masterplänen und städtebaulichen Umbrüchen. Neben Platzgestaltungen in Rotterdam und Paris bringt Francesca Ferguson hier vor allem die zur Grünzone umgestaltete „Highline“ in New York als positives Beispiel für eine Mikropolitik des urbanen Raumes.

Roger Riewe (Architekt, Professor an der TU Graz, Leiter des Instituts für Architekturtechnologie) und Werner Sewing (Architekt, Autor, Professor an der Universität Karlsruhe) sehen die Situation vergleichsweise nüchtern. Architektinnen und Architekten leben von ihren Auftraggeberinnen und Auftraggebern. Die Möglichkeiten, durch Architektur tatsächlich politisch Stellung zu beziehen, sind daher deutlich eingeschränkt. Regierungen und Regime nutzten Architektur seit jeher als Machtbeweis und prägen sie dadurch politisch. In der Regel beeinflusst nicht die Architektur das politische Geschehen, sondern sie wird im Gegenteil zum Werkzeug.
Heute gibt vor allem die öffentliche Meinung vor, was und wie gebaut werden soll. In Deutschland scheint derzeit die Sehnsucht nach den Bauweisen aus dem 18. und 19. Jahrhundert das baukulturelle Leitbild zu bestimmen. Architektinnen und Architekten zollen dem wirtschaftlichen Zwang Tribut und rekonstruieren folgsam das Berliner Stadtschloss, Fachwerkbauten in Frankfurt und historische Bürgerhäuser in Köln.

Zusammenfassend können folgende Resümees gezogen werden:
Architektur sollte Verantwortung übernehmen und ihren Beitrag zur Lösung von Problemen sozialer und ökonomischer Art leisten. Gebaute, innovative „Speerspitzen“ sind ideale Beispiele, welche im Idealfall Folgeprojekte nach sich ziehen und langfristig ein Umdenken bewirken können. Die gegenwärtigen Investitionen der Regierungen im Rahmen der Bekämpfung der Wirtschaftskrise können die Realisierung solcher Vorreiter-Projekte ermöglichen und die Krise zur Chance machen. Das breite Bewusstsein für innovative Architektur muss in weiterer Folge durch aktive Medienarbeit und Publikationen gefördert werden. Ein tatsächlicher Paradigmenwechsel scheint allerdings nicht ohne den politischen Willen und die gesetzliche Anhebung von Standards und Normen möglich zu sein.

REFERENTiNNEN/MODERATORiNNEN:
3. / 4. Juli 2009, HDA Graz

Roland Mestel, Christian Felber, Brian Cody
Moderation: Leo Kühberger

Petra Čeferin, Markus Miessen
Moderation: Michael Zinganel

Zvi Hecker, Francesca Ferguson, Michael Sorkin
Moderation: Ute Woltron

Roger Riewe, Werner Sewing, Srdjan Jovanovič Weiss
Moderation: Manuela Hötzl

Michael Sorkin (Washington D.C.,Professor für Architektur und Direktor des AbsolventInnenprogramms für Urban Design am City College in New York)
Petra Ceferin (Architektin und Professorin Universität Ljubljana, SLO), Brian Cody (Institutsvorstand für Gebäude und Energie, TU Graz, IRL), Christian Felber (freier Publizist und Autor, Mitglied Attac Österreich, A), Francesca Ferguson, (Direktorin S AM Basel, D/GB), Zvi Hecker (Architekt, IL/D), Roland Mestel (Privatdozent am Institut für Banken und Finanzierung, Universität Graz, A), Markus Miessen (Architekt, D), Roger Riewe (Architekt, A), Werner Sewing (Architekturtheoretiker, D), Michael Sorkin (Architekt, USA), Srdjan Jovanovic Weiss (Architekt, USA)

Text – M. Brischnik, erschienen auf www.gat.st am 14.07.2009