Stadtplanungschef Heinz Schöttli – das erste Jahr

Vor einem Jahr, im Herbst 2010, trat der Schweizer Architekt und Städteplaner Heinz Schöttli seine Stelle als Stadtplanungschef in Graz an. Damals hat er angegeben, er wolle „eine aktive Stadtplanung betreiben, die vorausschauend ist und die nicht den Gegebenheiten und den Investorenwünschen hinterherhinken muss.“ Wir haben nun nachgefragt, wie aktiv die Stadtplanung in Graz betrieben wird.

Brischnik:
Bitte beurteilen Sie Ihr erstes Jahr als Stadtplanungschef in Graz, wie waren Ihre bisherigen Erfahrungen?

Schöttli:
Die waren sehr umfangreich. Es hat alles gegeben, von links nach rechts, von oben nach unten. Aber es war ein sehr interessantes Jahr.

Brischnik:
Hat es aus Ihrer Sicht besondere Rückschläge oder Erfolge gegeben?

Schöttli:
Dieses Jahr stand ganz im Zeichen von zwei Themen – auf organisatorischer Ebene die inhaltliche Neustrukturierung der Stadtplanung, auf inhaltlicher Ebene STEK 4.0 und der Flächenwidmungsplan.

Kickenweitz:
Nachdem Sie sich nun in Graz eingearbeitet haben, wie unterscheidet sich Graz hinsichtlich der Stadtplanung von anderen, vergleichbaren Städten?

Schöttli:
Die Stadtplanung ist überall anders organisiert. In der Schweiz ist sie in den Hochbauämtern implementiert und diese vielfach in den Finanzdirektionen, in Graz in der Baudirektion. Alle diese Modelle haben Vor- und Nachteile. Aber Graz unterscheidet sich aus meiner Sicht nicht maßgeblich von anderen Städten.

Brischnik:
In Graz werden Bebauungspläne zumeist anlassbezogen erstellt. Wie sinnvoll ist diese Vorgangsweise, wenn die Bebauungspläne fertige Investorenprojekte nachzeichnen?

Schöttli:
Zum Beispiel?

Brischnik:
Zum Beispiel Alte Poststraße, Oeverseegasse oder Lagergasse. In allen Fällen lagen fertige Projekte vor.

Schöttli:
Die Situation in Graz ist zurzeit, wie Sie bemerkt haben, anlassbezogen organisiert. Wahrscheinlich könnte man das auch anders organisieren, so dass man nicht anlass- oder objektbezogen Bebauungspläne erstellt, sondern Pläne über ganze Stadtteile, im Rahmen derer man die Planungsspielregeln festlegt. Planer und Investoren hätten sich dann an diese vorgegebenen Spielregeln zu halten.

Kickenweitz:
Ein Bestandteil des Grazer Modells war ein flächendeckender Bebauungsplan. Nach der Evaluierung Ende 2009 wurden diese Bestrebungen als zu kostenintensiv und zeitaufwändig fallen gelassen.

Schöttli:
Davon habe ich keine Kenntnis. Ich sehe nur den immensen Aufwand, der in der Stadtplanungsabteilung für jeden einzelnen Bebauungsplan betrieben werden muss. Das ist zum Teil sehr aufwändig und dadurch auch sehr kostenintensiv.

Kickenweitz:
Es gibt im räumlichen Leitbild so etwas wie eine Stadtteilbeschreibung. Sollte das räumliche Leitbild dahingehend besser ausgearbeitet werden?

Schöttli:
Ich würde dafür plädieren, das räumliche Leitbild wesentlich aufzuwerten und aus diesem erhöhten Detaillierungsgrad die zuvor erwähnten Spielregeln für Stadtteile abzuleiten.

Kickenweitz:
Wird zurzeit am räumlichen Leitbild gearbeitet?

Schöttli:
Man muss davon ausgehen, dass immer an den Planungsinstrumenten gearbeitet wird. Natürlich nicht immer gleich intensiv. Wir sind gegenwärtig mit der Fertigstellung des Stadtentwicklungskonzeptes beschäftigt, danach stehen der Flächenwidmungsplan und das räumliche Leitbild am Plan. Im Moment leiden wir aber unter einem akuten Personaldelta.

Brischnik:
Wo sehen Sie die Probleme bei den anlassbezogenen Bebauungsplänen?

Schöttli:
Bebauungspläne sind häufig subjektiv abgefasst, angedacht im Sinne des Auftraggebers, vielfach zuwenig kontextuell. Ich wäre – wie gesagt – viel eher dafür, spezifische Spielregeln für einen Stadtteil zu erarbeiten und vorzugeben. Es könnte beispielsweise zehn weiche und zehn harte Spielregeln geben, in welche sich die Architektur, auch wenn sie unterschiedliche Handschriften und formale Grammatiken zeigt, viel homogener einfügen könnte als sie das zurzeit tut.

Brischnik:
Könnte im Rahmen dieser Spielregeln auch der Bau von maßlos großen Investorenprojekten verhindert werden, indem kleinteiligere Baukörper vorgegeben werden?

Schöttli:
Im Rahmen dieser Spielregeln ist der Maßstab einer Bebauung ein maßgeblicher Faktor.

Kickenweitz:
Können Sie Beispiele für diese Vorgangsweise mittels dieser Spielregeln nennen?

Schöttli:
In der Stadt Zug haben wir vor etwa 15 Jahren versucht, die Stadtplanung in dieser Art und Weise zu handhaben.

Brischnik:
Waren Sie schon bei den Bürgerinformationsveranstaltungen zu Bebauungsplänen in Graz dabei und wie haben Sie diese empfunden?

Schöttli:
Demokratie ist ein weites Feld und die Beteiligung und das Interesse der Bürger Ausdruck demokratischer Meinungsbildung.

Brischnik:
Sehen Sie keine Kontroverse darin, dass dort den Anrainern und Nachbarn fertige Projekte vorgestellt werden, welche aber de facto nicht diskutiert werden dürfen, weil es nur um den Bebauungsplan geht?

Schöttli:
Es geht nicht nur um den Bebauungsplan, es geht um ein Stück zu realisierende Stadt, um Lebensqualitäten und auch um Emotionen. Veränderung birgt Gefahr. Leider sehen viele Fachleute, Betroffene und Beteiligte zwischen Bebauungsplan und Projekt keinen Unterschied.

Brischnik:
… was aber nachvollziehbar ist, oder?

Schöttli:
Ja, natürlich. Das ist aber eine Frage des Systems. Da wäre es nötig, die organisatorischen Spielregeln zu überdenken.

Brischnik:
Wer könnte das? Liegt das nicht in Ihrem Verantwortungsbereich?

Schöttli:
Ja, das muss hier geschehen – es gibt dazu aber etliche andere Mitbeteiligte.

Kickenweitz:
Im Rahmen von Bebauungsplänen geschieht es häufig, dass auf Basis eines Investorenprojektes ein Areal behandelt wird. Die betroffenen Grundstücksbesitzer werden aber nicht automatisch involviert und erfahren erst bei den Bürgerinformationsveranstaltungen von den Plänen, die auch ihre Grundstücke betreffen. Sollten da nicht alle Betroffenen früher eingebunden werden?

Schöttli:
Vollkommen richtig, das ist eine Frage des „Commitments“.

Brischnik:
Bei anlassbezogenen Bebauungsplänen zeichnen diese teilweise sehr genau die Konturen der Gebäude nach. Müsste daher nicht in Zukunft der Fachbeirat schon in der Bebauungsplanung involviert sein? Ansonsten hätte der Fachbeirat nur noch bei der Fassadengestaltung mitzureden.

Schöttli:
Der Entwurf muss dem Fachbeirat vorgelegt werden, bevor der Bebauungsplan erstellt wird. Das Prozedere diesbezüglich wird zurzeit festgelegt.

Brischnik:
Erst vor einem Jahr haben Sie gemeint, ein Fachbeirat würde keinen Sinn ergeben, da die Politik meistens nicht voll dahinterstünde. Nun bekommt Graz einen Fachbeirat. Wie stehen Sie inzwischen dazu?

Schöttli:
Ich habe nicht gesagt, ein Fachbeirat würde keinen Sinn ergeben, sondern er kann nur dann einen Sinn ergeben, wenn die Politik zu 100 % dahintersteht.
Die Politik hat den Fachbeirat beschlossen, also gehe ich davon aus, dass dieser auch gewünscht und respektiert wird.

Brischnik:
Wie sinnvoll ist die 2000-m2-Grenze, über der die Projekte liegen müssen, um vom Fachbeirat begutachtet zu werden. Kann nicht auch unter 2000 m2 „unglücklich“ geplant werden?

Schöttli:
Natürlich gibt es auch unter 2000 m² „unglücklich“ erscheinende Projekte.
Aber das ist immer eine Frage des Aufwandes. Ein Fachbeirat ist ja nicht nur lustig und dazu da, um Internetseiten zu schmücken. Irgendwo muss ein Schnitt gemacht werden. Wir können nicht pausenlos Leute einfliegen und damit das Budget in Frage stellen.

Kickenweitz:
Der Abbruch von bestehenden Objekten polarisiert häufig und wird oft sehr kritisch kommentiert. Sollten solche Gebäude nicht näher betrachtet werden, bevor ein Abbruchbescheid erteilt wird?

Schöttli:
Sie kennen das System hier. Außer dem Denkmalschutz stehen uns derzeit keine Mittel zur Verfügung. Ein Kataster schützenswerter Substanz ist angedacht, aber es ist wie immer eine Frage der Kapazität und der zur Verfügung stehenden Geldmittel. Und es ist eine Frage der Kultur und des Systems, wie die Baubehörde organisiert ist. Ich bin hier als Stadtplaner angestellt. Ich kann mir zwar ausdenken, welche neuen Instrumente oder Gesetze nötig sind, mit denen man alle Kategorien von Problemfeldern in der Stadt, die ich nicht für unwesentlich halte, abdecken könnte – aber das belastet die Auseinandersetzung.

Kickenweitz:
Wie weit ist das STEK 4.0?

Schöttli:
Das ist weit gediehen. Es soll demnächst dem Gemeinderat vorgelegt werden.

Brischnik:
Im Rahmen des Lyoness-Projektes wurde ein Workshop abgehalten, um den Konsens zwischen Investoren, Planern und den Interessen der Stadt zu erzielen. Nun zeigt sich der Investor mit dem Ergebnis und da vor allem mit der Gebäudehöhe unzufrieden. Wie beurteilen Sie die Situation rund um das Bauvorhaben Lyoness?

Schöttli:
Der Investorenvertreter Herr Sulzberger hat uns eine Stunde nach Ende der Jurysitzung mitgeteilt, dass Lyoness kein Investor mehr sein wolle und er auf der Suche nach einem neuen sei. Seitdem habe ich mit Herrn Sulzberger keinen Kontakt. Er war aber bei der Jurysitzung dabei und hat dem Siegerprojekt zugestimmt.
Wenn man 25.000 m2 Bruttogeschossfläche will und damit einen vierundachtzig Meter hohen Turm unter Einhaltung der Steiermärkischen Bauordnung errichtet, dann sind die jeweiligen Etagen voll mit Infrastruktur wie Liften, Nottreppen und Schächten. 84 Meter geteilt durch 4 ergeben 21 Geschosse. Das ergäbe 30 mal 35 Meter pro Geschoss, um jeweils 1000 m² zu erreichen. Ein Grundriss sollte mindestens 1500 m² aufweisen, um sich in unserem Immobilien- und Finanzsystem einigermaßen zu rentieren.
Meines Wissens standen aber außer Lyoness noch weitere Investoren hinter dem Projekt. Und zum Thema der Gebäudehöhe – ein Haus in Graz gilt ab 24 m Höhe als Hochhaus, Sulzberger bekommt also ein Hochhaus.

Brischnik:
Wird es ein Hochhauskonzept für Graz geben?

Schöttli:
Wir arbeiten immer wieder an diesem Konzept. Selbstverständlich auch im Rahmen des Stadtentwicklungskonzeptes. Es gibt in Graz definitiv Areale, die dafür in Frage kommen und es gibt solche, die überhaupt nicht zur Debatte stehen. Die Gegend um die Conrad-von-Hötzendorf-Straße wäre beispielsweise prädestiniert für diese Art von Bautypologie.

Kickenweitz:
Ist der Bau von Hochhäusern für Graz tatsächlich ein Thema oder ist in Graz ausreichend Fläche vorhanden, so dass keine Hochhäuser nötig sind?

Schöttli:
Alles zu seiner Zeit. Wenn man in Graz ein Areal mit hohen Häusern haben möchte, dann ist man angehalten, dort auch über die Bebauungsdichte, die sinnvoll wäre, zu debattieren. Die gegenwärtigen Dichten in Graz lassen es gar nicht zu, vernünftig in die Höhe zu bauen.
Darüber hinaus liegen etwa fünf oder sechs bewilligte Hochhäuser in der Verwaltung, weil über der Hochhausgrenze die finanzielle Tragbarkeit nicht mehr darstellbar ist. Dies ist einer der Gründe, warum beim Liebenauer Stadion nach der Hälfte aufgehört wurde. In Graz wird die Luft diesbezüglich ab 23 m dünn – darüber zu bauen, kostet Geld.

Brischnik:
Anlässlich des Lyoness Towers hat es zum Wettbewerb einen vorhergehenden Workshop gegeben. Sind weitere solche Verfahren geplant und sehen Sie Vorteile darin?

Schöttli:
Ich sehe immer Vorteile in Verfahren, in denen man miteinander redet und Lösungsansätze gemeinsam diskutieren darf. Ich halte wenig von der Vorgangsweise, einen Entwurf im Büro fertigzustellen und per Stiller Post an die Ausloberadresse zu senden, ohne diesen vorher mit dem Bauträger oder der Stadt diskutiert zu haben. Abschließend bleibt da ein immenses Änderungspotenzial.
Zurzeit sind aber keine weiteren derartigen Verfahren vorgesehen.

Kickenweitz:
Wäre das Wettbewerbswesen an sich aus Ihrer Sicht zu überdenken?

Schöttli:
Ich glaube, man sollte sich vor allem Gedanken darüber machen, zu welchem Zeitpunkt man Architekten und deren Know-how einsetzt. Oftmals wäre es nötig, etwas Zeit verstreichen zu lassen, um über die jeweilige Bauaufgabe in einer frühen Phase innovativ nachzudenken.
Bei öffentlichen Wettbewerben gibt es enorm viele Teilnehmer, eine vielköpfige Jury entscheidet und am Schluss gibt es einen Gewinner. Ich weiß nicht, ob dieser Prozess die Lebensfreude fördert, wenn man sich an Wettbewerben mit solchen exorbitanten Teilnehmerzahlen beteiligt und dann im zweiten oder dritten Durchgang ausscheidet.
Es gab in der Schweiz im Kanton Zug eine Kleinstgemeinde, wo eine Dreifachturnhalle gebaut werden musste. Das Vergabegesetz hatte einen öffentlichen Wettbewerb ausgeschrieben. Daraufhin wurden 130 Projekte eingereicht, wobei die Gemeinde ursprünglich mit etwa dreißig Projekten gerechnet hatte. Ein Projekt zu prüfen kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Es für eine Ausstellung vorzubereiten, kostet, ebenso wie die Jurierung, Geld. Das ist alles eine Frage der Ökonomie.
Ich denke, die vereinigte Architektenschaft müsste Fragen der eigenen Büroökonomie neu überlegen. Ich staune immer wieder, zu welchen Honorarsätzen Architekten überhaupt bereit sind, zu arbeiten. Die gesamte Entlohnung für Planungsleistungen gehört neu aufgearbeitet und strukturiert. Finanzielle Fragen haben die Architekten in den vergangenen Jahren nur sehr marginal interessiert, das haben ihnen die Bauträger und Investoren abgenommen. Der Architektenstand müsste sich von innen heraus endlich diesem Thema stellen, damit die guten Leistungen, die erbracht werden, entsprechend gut entlohnt werden. Das wäre eine Aufgabe der Damen und Herren in den Architektenkammern österreichweit.

Kickenweitz:
Rund um den projektierten Stadtteil Reininghaus fallen immer wieder Stichworte wie Zero Emission City und Energieeffizienz. Bei all der technischen Entwicklung – wie steht es da um soziale und gesellschaftliche Aspekte? Wie sieht das im Wohnbau generell aus?

Schöttli:
Seitens der Politik ist die Energiefrage vorrangig. Trotzdem werden auch gesellschaftliche und soziale Fragen präferiert und gelöst. Beispielsweise beim Wohnbau am Sternäckerweg, den das Büro Balloon gewonnen hat, hat sich die Bauherrenschaft sehr verantwortungsvoll dieser Aspekte angenommen. Nichtsdestotrotz ist die Frage nach der Energieeffizienz wesentlich. Sie spart natürlich Geld, was von jedermann nachgerechnet werden kann, während der Städtebau und die sinnvolle Positionierung von sozialen Angeboten den mondänen Aspekt nicht verbessern. Daher werden solche Fragen oft vernachlässigt.
Im Wohnbau bräuchte es mehr Ganzheitlichkeit im Denken, um Unsinnigkeiten zu vermeiden. Warme Treppenhäuser beispielsweise, damit man nicht über kalte Laubengänge gehen muss, wenn man in den Keller will. Und es bräuchte eine andere Großzügigkeit im Umgang mit Flächen. Man sollte eine größere Freiheit bei der Berechnung der Dichten zulassen, zugunsten von Lebensqualität und besserem Wohnraum. Gemäß oben zitiertem Beispiel sollte ein Treppenhaus beispielsweise in einem Haus integriert sein dürfen, ohne zur Dichteberechnung herangezogen zu werden. Mir nützt das beste Passivhaus nichts, wenn ich, um im Keller ein Bier zu holen, über einen schneebedeckten Laubengang gehen muss.

Brischnik:
Würde sich die Qualität der Wohnbauten durch städtebauliche Vorgaben verbessern lassen? Würde beispielsweise die Vorgabe kleinerer Bauparzellen die Bebauung mit Baugruppen fördern und rein wirtschaftlich denkende Genossenschaften und Großinvestoren ausbremsen?

Schöttli:
„Stadt“ ist kein Autorennen, aber wie dort, gibt es auch hier viele Mitbewerber mit unterschiedlichen Vorstellungen und Ansprüchen. Mit den städtebaulichen Vorgaben kann die Qualität bestimmt werden. Wobei diese Qualität meistens vor der Wohnungstüre endet – was dahinter gedacht oder nicht gedacht wird, lässt sich nicht beeinflussen.
Betreffend die Projektgrößen sind die Mittel, die Finanzdienstleister zur Realisierung von Projekten vergeben können, seit dem Finanzcrash kleiner geworden. Das heißt, dass kleinteiligeren Maßstäben und den damit verbundenen Lebensqualitäten Vorschub geleistet werden könnte.

Brischnik:
Noch scheint diese Kurskorrektur aber nicht eingetreten zu sein, wenn man beispielsweise die SOB-Bauprojekte in der Alten Poststraße oder am Augarten betrachtet?

Schöttli:
Leider noch nicht. Das Projekt von Balloon am Sternäckerweg ist ein exemplarisches Beispiel für eine Lösungsfindung zu diesem Thema. Dort wird durch die mäandrierende Form der Bauten und die Beschränkung auf zwei Geschosse jeder einzelnen Wohnung die Qualität eines Einfamilienhauses verliehen.

Kickenweitz:
Wie könnte man mit Mitteln der Stadtplanung (Bebauungsplan, Stadtentwicklungskonzept, Flächenwidmungsplan) die Schaffung von Grünräumen und Spielplätzen beispielsweise im Bezirk Gries forcieren? Gries ist einer der am dichtesten bebauten Bezirke mit einem sehr geringen Grünflächenanteil.

Schöttli:
Es müssten bei Bauprojekten andere Indikatoren vorgegeben werden. Zum Beispiel, wie viele Personen auf einem ha leben könnten, wie groß der Grünflächenanteil sein sollte, wie Kinderspielplätze integriert werden müssten, wie sie situiert und umgesetzt werden können. Es sollten im Vorentwurf Grundlagen geschaffen werden, die dann dem Bauwerber übergeben werden. Die Bauwerber kommen allerdings vielfach mit fertigen Konzepten zu uns.

Brischnik:
Im Rahmen der Stadtplanung und mit den zur Verfügung stehenden Instrumenten könnten aber Areale für Spielplätze, Grünraumanteile etc. bestimmt werden?

Schöttli:
Ja, im Moment aber habe ich keine Handhabe, jemandem, der mit einem fertigen Projekt kommt und die gesetzlichen Eckdaten einhält, zu sagen, dass das nicht eingereicht werden kann. Ich kann versuchen, das Ergebnis mit gutem Zureden und sanftem Druck zu beeinflussen.

Brischnik:
Warum ist die Stadt so zögerlich?

Schöttli:
Wenn sich etwas grundlegend ändern soll, dann muss das über eine politische Willensbildung erfolgen und im Anschluss müssten entsprechende Beschlüsse gefasst werden. Ich kann nicht in 365 Tagen ändern, was andere über Jahrzehnte entstehen haben lassen.

Kickenweitz:
Meinen Sie, dass durch Bürgerbeteiligungsprozesse im Vorfeld von Bebauungsplänen und Bauvorhaben die Akzeptanz der Bevölkerung gesteigert werden kann?

Schöttli:
Jeder Fall ist anders. Ich denke aber, dass es immer Einsprüche und Gegner geben wird, weil Bürger bauliche Eingriffe als Störung ihrer gewohnten Umgebung empfinden. Diese Thematik wird immer kontrovers diskutiert werden.

Brischnik:
Wenn Investoren mit fertigen Projekten zu Ihnen kommen, wie weit werden die bei Ihnen im Amt besprochen, wird da vieles geändert und aktiv verbessert?

Schöttli:
Solche Projekte werden im Rahmen der üblichen Dienstbesprechungen behandelt. Das ist hier Usanz.

Brischnik:
Stehen Sie in solchen Fällen auch unter Druck? Die Investoren sind für die Stadt immerhin von wirtschaftlichem Interesse.

Schöttli:
Natürlich, da stehen Sie immer unter einem gewissen Erfolgsdruck in die eine oder andere Richtung. Jeder Investor versucht, Druck auszuüben. Ab und zu landen diese Projekte dann eine Hierarchieebene höher und man ist angehalten, zu erklären, warum ein Projekt keine Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität darstellt. Wir sind für diese Anzahl an Projekteinreichungen zurzeit personell zu dünn besetzt.

Brischnik:
Wie sehen Sie ihren politischen Rückhalt hinsichtlich des Investorendrucks?

Schöttli:
Sehr gut. Wir haben und pflegen ein gutes, objektives und nachvollziehbares Miteinander. Das Problem ist eher das Selbstverständnis der Investoren, die glauben, dass ihnen die Welt offen steht. „Stadt“ ist ein komplizierter Organismus, da versuchen viele Hände auf einem Klavier zu spielen. Stadtplanung ist das Management divergierender Interessen im öffentlichen Raum.

Kickenweitz:
Rund um die Entwicklung der Reininghausgründe wird von einer Zero Emission City und einem Smart City Konzept gesprochen?

Schöttli:
Alle wünschen sich ausschließlich autofreie Städte, natürlich mit Hybridautos und E-Cars. Ich bin überzeugt, dass die Städte das nicht umsetzen können, weil Europa ein Autocluster ist. Mit Magna und AVL sind wir ebenfalls an diesem Faktum beteiligt. Außerdem reichen die Vorräte an fossilen Brennstoffen viel weiter als gedacht.

Kickenweitz:
Wie beurteilen Sie, dass die ÖBB Graz immer mehr abschneidet?

Schöttli:
Ich finde es desaströs, dass der wichtigste Mobilitätsanbieter dieses Landes die zweitgrößte Stadt derartig beschneidet. Ich bin normalerweise ein sehr friedfertiger Mensch, habe aber schon vorgeschlagen, in einer Art Volksinitiative Protestmails an die ÖBB zu senden und das periodisch.

Brischnik:
Danke für das Gespräch.

Interview – Martin Brischnik / Petra Kickenweitz
Text – Martin Brischnik
Erschienen auf www.gat.st am 01.12.2011