Wettbewerb VS Mariagrün: Der “dritte Pädagoge” kommt an

Im vergangenen August wurde der europaweite 2-stufige Architekturwettbewerb zur Planung einer neuen Volksschule in Graz-Mariagrün ausgeschrieben, ein Wettbewerb, der sich in mancher Hinsicht von anderen unterscheidet. Im Jahr 2005 wurde festgestellt, dass die bestehende Volksschule in Mariagrün nicht nur metaphorisch aus allen Nähten platzt. Der Mindeststandard des Landes Steiermark gibt beispielsweise 60 m² für einen Klassenraum vor, zwei der Klassenräume im Bestand weisen 27 m² und 28 m² auf und liegen im Dachboden. Der Turnsaal der Schule misst 84 m² anstatt der geforderten 180 m². Es gibt keinen brauchbaren Hofbereich, keine Pausenhalle, keine Gruppenräume, keinen eigenen Sportplatz.
Nachdem der akute Platzmangel außer Zweifel steht, wurde seitens der Stadt Graz zu Beginn die Möglichkeit des Ausbaues am bestehenden Standort geprüft. Dort ist bereits jetzt die Bebauungsdichte um etwa das Dreifache überschritten und die Fläche der Schule müsste etwa verdreifacht werden. Es wurde nach eingehender Prüfung festgestellt, dass ein Um- oder Zubau nicht sinnvoll sei.

Da der nahe gelegene Kindergarten in der Schönbrunngasse auf einem immens großen Grundstück liegt, bot es sich an, auf diesem Areal einen Neubau vorzusehen. Gemeinsam mit der auf demselben Grundstück neu errichteten Kinderkrippe ergäben sich schließlich Synergieeffekte hinsichtlich Essensversorgung, Nachmittagsbetreuung und Erreichbarkeit.

Nachdem dieses Vorhaben bekannt wurde, formierte sich im beschaulichen „Mariagrüner Winkel“ rund um einzelne Eltern und den Architekten DI Hermann Eisenköck eine Gruppe von Projektgegnern, welche – entgegen aller logischen Fakten – vehement für einen Zubau am Bestand eintrat. Vor allem der idyllische Nukleus von Kirche, Pfarrhof und bestehender Schule wurde als Argument genannt.
Im Rahmen mehrerer öffentlicher Diskussionen unter Beteiligung der Schuldirektorin Fr. Eva Hütter, des Leiters des Stadtschulamtes Dr. Herbert Just, der damaligen Stadträtin Fr. Mag. Eva Maria Fluch sowie Frau Dr. Susanne Herker, Leiterin des Instituts für innovative Pädagogik und Inklusion an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Graz, wurden vor versammelter Mariagrüner Elternschaft die Nachteile des gegenwärtigen Standortes den visionären Möglichkeiten am neuen Standort gegenübergestellt.
Die letzte dieser Debatten fand Anfang 2009 im Grazer Rathaus statt. Bereits im Rahmen dieser Informationsabende berichteten vor allem Fr. Dr. Herker und Hr. Dr. Just enthusiastisch von neuen Schulmodellen, deren Architektur unter dem Schlagwort „der Raum als dritter Pädagoge“ (erster sei der Lehrer, zweiter der Mitschüler) eine verstärkte Rolle im Schulalltag darstelle. So würden herkömmliche Klassenzimmer in Zukunft ausgedient haben, stattdessen themenbezogene Räume den Forschergeist der Kinder unterstützen und für Abwechslung sorgen.

Diese Veranstaltungen, in denen der überwiegenden Mehrheit der Eltern die Nachhaltigkeit eines Neubaues aufgezeigt wurde, liegen nun mehr als ein Jahr zurück. In der Zwischenzeit waren die GBG (die Grazer Bau- und Grünlandsicherungs GmbH) sowie das Stadthochbauamt nicht untätig. Gemeinsam mit dem Stadtschulamt unter Dr. Just einigte man sich darauf, die Idee des neuen Schulkonzeptes weiterzuverfolgen. Im Rahmen mehrer Workshops wurden Eltern (allen voran Sabine Prettner als Präsidentin des Elternvereins der Volksschule), Lehrpersonal und Schüler intensiv eingebunden. Die Einbeziehung der Kinder koordinierte das Kinderbüro Steiermark unter Mag. Bernhard Seidler.
Es wurden mehrere Schulen besichtigt (HS Wolfsberg bei Leibnitz, VS St. Jakob im Walde, VS Markt Allhau) und mit Spezialisten für Schulplanung Gespräche geführt. Vor allem a.o. Univ. Prof. DI Dr. Christian Kühn (TU Wien, Institut für Gebäudelehre, Vorsitzender der Architekturstiftung Österreich) trug wesentlich zur Entwicklung des Konzeptes bei.

Dem laufenden Architekturwettbewerb liegt ein Schulkonzept zugrunde, welches für die kommenden fünfzig Jahre funktionieren soll. Voraussetzung dafür war, dass die Direktion und der Lehrkörper die Schulform pädagogisch mittragen.

In der neuen Mariagrüner Volksschule soll der Klassenraum eine untergeordnete Rolle spielen. Die Klassenzimmer werden als „Home Base“ betrachtet und kleiner ausgeführt als im Landesstandard gefordert. Vier Klassenzimmer und ein offener Lernraum werden zusammen einen Raumcluster bilden. Es wird einen solchen Lerncluster für die erste und zweite Schulstufe geben und einen weiteren für die dritte und vierte Klasse. Weiters sollen Teamräume als Arbeitsplätze für das Lehrpersonal sowie ein Besprechungszimmer anstelle des herkömmlichen Konferenzzimmers entstehen. Die Minimierung und Multifunktionalität der Verkehrsflächen soll bewirken, dass Nutzflächen und Kosten denen einer herkömmlichen Schule entsprechen.
Der Bau soll in Passivhausbauweise erfolgen und wird baubiologisch betreut werden.

Das Engagement der Vertreter der GBG (Mstr. Ing. Rainer Plösch, Ing. Martin Eisenberger), des Hochbauamtes Stadt Graz (DI Heinz Reiter), des Stadtschulamtes (Dr. Herbert Just), des Elternvereins der VS Mariagrün (Sabine Prettner) und des Lehrkörpers der VS Mariagrün (Dir. Eva Hütter) ist hervorzuheben und allen Beteiligten hoch anzurechnen, wäre es doch wesentlich einfacher gewesen, ein altbewährtes Standard-Raumprogramm auszuschreiben. Nun liegt es an den teilnehmenden Architektinnen und Architekten, die Chance zu nutzen und die hohen Erwartungen zu erfüllen.

Text – M. Brischnik, erschienen auf www.gat.st am 14.09.2010