Crossover Architecture – 01

Das Grazer Architekturnetzwerk LIVING ROOMS rund um Martin Brischnik und Franziska Schruth lud am 21.11.2008 im Forum Stadtpark zum Auftakt einer Reihe von Architekturgesprächen unter dem Titel „CROSSOVER architecture” ein. Grenzgänger aus dem Bereich der Architektur stellten ihren persönlichen Werdegang am inneren und äußeren Rand der Szene vor und betrachteten den Berufsstand im Rahmen einer Podiumsdiskussion kritisch. Zur ersten Veranstaltung in Graz waren Elke Krasny, Hagen Zurl und P. Michael Schultes als ReferentInnen geladen.

Hagen Zurl und Michael Schultes waren als Architekten jeweils früh aus dem klassischen Berufsbild ausgebrochen und verkörpern den „homo ludens“. Zurl
begann schon vor Abschluss seines Studiums sich als Autodidakt dem Bootsbau zu widmen, entwarf und realisierte neben regattafähigen Jachten unter anderem Möbel und Autos. Schultes wiederum verband das Wissen aus dem väterlichen Betrieb (einer Manufaktur für innovative pneumatische Artikel) mit seinen Kenntnissen der Architektur und etablierte sich als Erfinder und Spezialist am Sektor der textilen Architektur und Membrankonstruktionen. Den beiden Architektur-Emigranten wurde mit Elke Krasny eine Architektur-Migrantin gegenübergestellt, welche als Publizistin, Architekturtheoretikerin und Kommunikationsspezialistin von außen in die planende Zunft eingewandert ist.

Die drei ReferentInnen stellten sich und ihre unkonventionellen Projekte zu Beginn der Veranstaltung vor, um danach im Rahmen einer von Franziska Schruth moderierten Podiumsdiskussion ihr Bild der gegenwärtigen Architekturszene zu erläutern. Den Arbeitsalltag der ArchitektInnen betreffend kreiste das Gespräch hier um altbekannte Themen, wie die Gefahr des Missbrauchs digitaler Werkzeuge und das nötige Bewusstsein über die nachhaltige Verantwortung des Planers gegenüber der Gesellschaft. Über die Frage ob der/ die ArchitektIn (genügend) Generalist sei, herrschte Uneinigkeit. Einerseits sei breites und branchenübergreifendes Wissen zwingend erforderlich, andererseits fehle der jungen Generation die handwerkliche Kenntnis des Spezialisten.

Einigkeit herrschte hingegen über die besondere Bedeutung des engagierten Austauschs zwischen Architekt und Bauherr. Die Kommunikationsfähigkeit des Architekten spiele dabei eine zentrale Rolle. Planer dürften nicht als unantastbare Verteidiger ihrer Kunst auftreten, sondern müssten als Vermittler von räumlicher Qualität fungieren, ohne dabei die Bedürfnisse zukünftiger Nutzer zu ignorieren. Die Frage nach der Motivation vieler ausgebildeter ArchitektInnen zur Flucht aus dem klassischen Arbeitsalltag in andere Branchen bot abschließend reichlich Zündstoff. Macht es doch den Anschein, als würden vermehrt Frauen aus der Architekturszene ihre neue Heimat z.B. in der Publizistik oder dem Kulturwesen finden. Restlos geklärt werden konnten die Hintergründe dafür selbst in den abschließenden Gesprächen an der Bar des Forum Saloons nicht.

Text – M. Brischnik

Projektverantwortlich – M. Brischnik, F. Schruth, LIVING ROOMS